Reparaturbericht Tokina SD 70-710 PK und anschließend Einsatz auf der Nikon Z5 von Christian Zahn

In diesem Bericht geht es um die Reparatur eines ca. 40 Jahre alten Manuellfokus-Telezooms und das anschließende Ausprobieren an der spiegellosen Vollformatkamera Nikon Z5. Die Reparatur und Reinigung erfolgte im Rahmen eines langen Wochenendes, in dem ich mit einem Freund eine größere Anzahl von Objektiven aus seinem Bestand überholte. Aber auch einige von meinen Vintagelenses wurden repariert, unter anderem das hier vorgestellte kompakte Schiebezoom mit variabler Lichtstärke. Es hatte beschlagene Vorderlinsen, so daß die komplexere Demontage der sich im Inneren bewegenden Linsengruppen nicht nötig war.

Tokina SD 70-210mm / 1:4-5,6

Tokina wurde 1950 in Shinjuku, Tokio, Japan gegründet und produziert seitdem vor allem Objektive für fotografische Zwecke für Kameras der großen Hersteller unter eigenem Namen und ist auch als OEM-Hersteller tätig (z. B. für Soligor oder Vivitar). Etwa im Jahr 1960-1965 entwickelte Tokina den T4-Anschluß, an den sich vom Benutzer Adapter für das gewünschte Kamerabajonett befestigen ließen, so mußte nach Kamera-Systemwechsel kein neues Tokina-Objektiv gekauft werden, sondern nur ein neuer Adapter. (Dieser Anschluß ist aber nicht kompatibel zum heute noch häufig zu findendem T2-Gewinde!)

Tokina hat das hier vorgestellte Objektiv mit vielen verschiedenen Bajonett-Anschlüssen angeboten, darunter auch mit dem Pentax-K-Bajonett. Es ist ein mehrschichtvergütetes Objektiv, größtenteils in Metall gefasst und wurde laut Seriennummer möglicherweise 1987 gebaut. „SD“ = „Super Low Dispersion“ steht für spezielle Gläser mit besonderer Dispersion, die vor allem in apochromatischen Objektiven verbaut werden (andere Hersteller nennen solche Glassorten ED“ oder „LD“-Glas). Das oder die SD-Elemente im 70-710 sorgen dafür, daß die chromatischen Aberrationen gering sind, beispielsweise haben schmale dünne schwarze Linien vor weißem Hintergrund kaum „bunte“ Kanten, die bei nicht korrigierten Objektiven als rote, grüne oder violette Übergänge erkennbar sind.

Das  merkwürdig aussehende rote Symbol auf dem Bezeichnungsring sind zwei „T“, wobei eines auf dem Kopf steht. Der dünne rote Ring an der Objektivvorderseite ist Zierrat, er zitiert das Design der teureren Canon-L-Objektive.

Der genaue Bauzeitraum ist mir nicht bekannt, es dürfte in der Mitte der 1980er Jahre gebaut und verkauft worden sein, also ca. 1983 bis 1988. Wie oben erwähnt, gab es davor ein 4/80-200, und danach wurde von Tokina ein leicht überarbeitetes SZ-X 70-210 verkauft.

Der mit geriffeltem Gummi ausgelegte und sehr breite Entfernungs-/Zoomring läuft gut, der Einstellweg ist mit etwa 200° recht lang. Die Naheinstellgrenze ist mit 1,1 Metern recht kurz, Tokina hat sogar eine mit „Makro“ bezeichnete Skala für den Abbildungsmaßstab angebracht, bei 210mm beträgt er 1:4, d. h., das kleinste Bildfeld ist 144x96mm. Die Blende rastet halbstufig, es sind 6 Lamellen eingebaut, der Blendenring kann in kleinster Stellung für Programmautomatik verriegelt werden. Die originale Streulichtblende dürfte in einen Ring um die vordere Linsengruppe eingerastet worden sein, das Filtergewinde ist mit 52 mm überraschend klein und dreht sich beim Fokussieren mit.

Das Objektiv hat einen Durchmesser von 68 mm, eine Baulänge ab Bajonett von 88 mm und wiegt 435 Gramm. Beim Einstellen auf die Nahgrenze wird es dank Frontfokussierung nur ca. 13 mm länger, beim Zoomen ca. 28 mm. Sein optischer Aufbau ist komplex: 12 Elemente in 8 Gruppen, alle Glasflächen sind mehrschichtvergütet.

Das gesamte Objektiv macht einen relativ hochwertigen Eindruck, es ist größtenteils aus Metall und ziemlich schwer. An der Entfernungs-Skala sind sowohl Tiefenschärfemarkierungen als auch ein Index für die Infrarotfotografie vorhanden.

Das Objektiv verzeichnet nur gering sichtbar. Das Objektiv ist am Vollformatsensor der Z5 und Offenblende etwas unscharf, Abblenden auf 8 steigert die Schärfe in der Bildmitte, danach kommt es bereits zu Beugungseffekten. Die bei Offenblende kaum wahrnehmbaren chromatischen Aberrationen verschwinden ab Blende 5,6-8.

Der Neupreis ist mir nicht bekannt, dürfte aber bei geschätzten 250-350 DM gelegen haben, die letzten Restposten sollen nach 2002 für ca. 200€ verkauft worden sein. Der aktuelle Gebrauchtpreis ist nur schwer ermittelbar, je nach Zustand, Lieferumfang und Bajonettanschluß werden 20 bis 80 Euro gefordert, ob die Objektive dafür auch verkauft werden?

Mein Exemplar kam aus der „Grabbelkiste“ eines Fotogeschäftes für 5 Euro, weil es gereinigt werden mußte, gab es keine Garantie bzw. Gewährleistung.

​​​​​​​Reparatur

Das Objektiv hat ein bekanntes Problem, das Schmiermittel für die Fokus- und Zoomverstellung wurde bei der Herstellung aus verschiedenen Ölen und Fetten zusammengemischt, um die richtigen Eigenschaften und Konsistenz zu erhalten. Durch die Alterung im Lauf der Jahrzehnte löst sich die dünnflüssige ölige Komponente heraus und läuft im Objektivinneren überall herum, außerdem verdunstet sie allmählich und schlägt sich auf den meisten Glasflächen als milchiger Belag nieder, im schlimmstem Fall verkleben dadurch auch die Blendenlamellen. Dann muß das Objektiv zerlegt und gründlich gereinigt sowie neu gefettet werden.

Das hier gezeigte Exemplar hat die Fettseparation deutlich erkennbar aufgewiesen, die Frontlinsengruppe und Teile der dahinter befindlichen Linsen waren deutlich beschlagen, die Blende und die hinteren Linsen hingegen noch Ölfrei.

Die Demontage der vorderen Linse ist eigentlich recht einfach: Um den Tubus sind drei Schrauben, diese lösen und etwa eine Umdrehung herausdrehen, dann kann die Frontlinse samt Fassung herausgenommen werden. Alternativ wird der Kunststoffring mit der Beschriftung herausgedreht. Bei meinem Exemplar saß beides sehr fest, ich mußte den Ring herausdrehen, in dem ich in ihn zwei Löcher machte, in die ein verstellbares Ringlösewerkzeug eingreifen konnte. Danach ließ sich auch die Fassung problemlos herausdrehen.

Diese Werkzeug benötigt man auch, um die erste beim Zoomen verstellte Linse auszubauen und die darunter liegende freizulegen. Weiter mußte das Objektiv nicht demontiert werden, da alle anderen Linsenflächen nicht beschlagen waren. Sollte es erforderlich sein, auch diese zu putzen oder die Blendenlamellen zu reinigen, so muß das Objektiv von der Rückseite auseinandergenommen werden, dazu sind die drei kleinen Schrauben in dem Ring zu lösen, der unterhalb der Tiefenschärfe-Kurve sitzt. Dann kann die Bajonettgruppe vorsichtig abgezogen werden, es tauchen weitere Schrauben auf, die ebenfalls gelöst werden müssen. Dieser Teil ist komplex zu zerlegen und zusammenzubauen, teilweise weil die einzelnen Gruppen beim Zoomen gegeneinander bewegt werden, teilweise, weil Linsen nicht alle mit Ringen festgeschraubt sind, sondern einige Fassungen verklebt wurden.

Warnung

Das Objektiv ist der Nachfolger des vermutlich seit Ende der 1970ern gebautem 80-200 / 1:4, das ebenfalls ein Schiebezoom war, seine Baulänge beim Zoomen aber nicht veränderte. Wie üblich baute Tokina es mit diversen Kamerabajonetten, die hier gezeigte Version dürfte sich am besten verkauft haben, denn viele Hersteller nutzten das Pentax PK-Bajonett. Das Objektiv hat eine Verriegelung des Blendenrings in kleiner Stellung und die für die entsprechenden Pentax-Kameras die notwendigen Kontakte, die der Kamera die größte und kleinste Blende elektrisch codiert übermitteln. Somit kann beispielsweise die Pentax Super A das Tokinazoom in Zeit- Blenden- und Programmautomatik nutzen. Außerdem wird die Verriegelung des Blendenrings mit einem weiterem Kontakt an entsprechende Ricoh-Spiegelreflexkameras übermittelt, beispielsweise kann die XR-20SP mit dem Objektiv ebenfalls mit Programm- Zeit- und Blendenautomatik arbeiten.

Es gibt eine sehr ernstzunehmende Warnung

Das Objektiv hat einen Schalter im Objektiv, der die Vorwahl der kleinsten Blende an die Kamera mitteilt; allerdings ist dieser Kontakt inkompatibel zur Pentax-Methode. Und die Position des Kontaktes befindet sich an einer ungünstigen Stelle, beim Ansetzen an eine Pentax-AF-Kamera verhakt sich der Stift in der Öffnung für den Autofokusantrieb („Schraubenzieherklinge“) der Kamera, das Objektiv läßt sich dann nur mit roher Gewalt oder durch aufwendige Zerlegung von Body und Objektiv wieder von der Kamera trennen. Die Benutzung an Kamera-Adaptern ist jedoch fast immer gefahrlos, man sollte aber darauf achten, daß sich der gefederte Stift des Objektivs nicht doch im Adapter verhaken kann.

Das SD 70-210 ist allerdings etwas „harmloser“ als die originalen Rikenon-P-Objektive. Während bei diesen der Pin am Objektiv ein sehr dünner Messingstift ist, der sich in der Bohrung für den AF-Mitnehmer mit 100%-Sicherheit „festhängt“, hat Tokina eine gefederte Kugel verwendet, die sich über das Loch im Pentax-AF-Bajonett durchaus bewegen läßt. Das geschieht allerdings auf eigenes Risiko, je nach Objektiv oder Kamera kann es gutgehen oder auch nicht!

Beispielfotos

Fazit

Nach der Reinigung der Front- und Rücklinse von der jahrzehntealten Luftverschmutzung bzw. den Ausdünstungen des Schneckengang-Schmiermittels, die sich vor allem auf der Innenseite der Frontlinsengruppe abgesetzt hatten, ist das Objektiv wieder für etliche Jahrzehnte nutzbar. Die optische Qualität ist für ein „Billig“-Schiebezoom der 1980er erstaunlich gut, dank „SD“-Linsen sind die chromatischen Aberrationen gering und die Schärfe in der Bildmitte ist auch an heutigen hochauflösenden Vollformatsensoren gut. An den Bildrändern bzw. in den Ecken erzielt das Objektiv geringere Schärfeleistung, aber als Portraitlinse ist sie durchaus nutzbar. Lediglich die Bauart „Schiebezoom“ macht die Benutzung etwas umständlich, denn beim Fokussieren verstellt sich meist auch die Brennweite. Früher waren Schiebezooms beliebt, weil sie mit einer Hand in einer einzigen Bewegung sowohl in Brennweite als auch der Fokussierung nachführbar waren, beispielsweise bei Sportaufnahmen. Und damals hatten die verwendeten Filme umgerechnet maximal 6 Megapixel Auflösung, da kam es nicht auf das letzte „Schärfenquäntchen“ an.

Ich habe das Objektiv zur Verwendung an meinen analogen Pentax-Spiegelreflexkameras mit Blenden- bzw. Programmautomatik gekauft und dafür werde ich es nutzen, an der Z5 muß man nach jedem Zoomvorgang der Kamera die Brennweite mitteilen, damit der Bildstabilisator korrekt funktioniert…

Christian Zahn, September 2026

 

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