Ohne Filmwechsel in Analogzeiten schnell die Empfindlichkeit ändern oder von Farbe auf SW gehen? Ja es war möglich:

Es bedeutete aber hohen technischen Aufwand – der sich nicht rechnete …

In der Digitalkamera geht das blitzschnell, und zur Konvertierung von Farbe genügt in der Bildbearbeitung ein schneller Klick auf 256 Graustufen bis hin zu ausgeklügelten Farb-/SW-Umsetzungen, die verschiedene SW-Filme und Filter bis hin zu Infrarot simulieren. Etliche Digitalkameras bieten die Möglichkeit noch in der Kamera virtuelle SW-Filmsorten oder virtuelle Filter für die SW-Fotografie zu "montieren".

Oben gezeigt die Klimmzüge, ISO und Wiedergabe zu wechseln, ohne den teilbelichteten Film rückspulen oder markieren zu müssen, um anschließend den gewünschten Film einzulegen. Immer mit der Gefahr verbunden, bei vergessener Markierung und Beschriftung der aufgenommenen Fotos einen Film doppelt zu belichten.

Die schwedische Mittelformat Spiegelreflexkamera Hasselblad bot von 1948 bis Produktionseinstellung 2013 Wechselmagazine für Rollfilm. Stellvertretend für die Hasselblad ist oben die japanische Zenza Bronica 6x6 SLR abgebildet, die ebenfalls Wechselmagazine bot. Wie die bei Studiofotografen hochgeschätzte Mamiya 6x7, deren Wechselmagazin drehbar gelagert war. Bei diesen Systemen war die Gefahr von Doppelbelichtungen praktisch ausgeschlossen!

Aber der 35 mm Kleinbildfilm?

1956 stellte Adox mit seinem Modell 300 eine Kamera für 35 mm Kleinbildfilm vor, die über ein Wechselmagazinsystem verfügte. Auch Zeiss bot in Form der Contaflex/Contarex eine einäugige Kleinbild-SLR mit Wechselmagazin. Unten rechts in der Montage die Kine Exakta, die über ein Messer verfügte, mit dem ein teilbelichteter Film einfach durchgeschnitten werden konnte, um den in einer Patrone belichteten Teil einzeln zu entnehmen und später entwickeln zu können. Der unbelichtete Restfilm wurde dann gegen eine frische Patrone gewünschter Empfindlichkeit/Color/SW ausgetauscht. Das erscheint mir einigermaßen sicher! Keins der "richtigen" KB-Magazin-Wechsel-System konnte sich etablieren. Nicht nur die KB-Wechselsysteme verschwanden, sondern die Kameramarken Adox und Zeiss Contaflex/Contarex gleich mit. Der Reportage-Profi hatte mindestens zwei Kleinbild SLRs von Nikon oder Canon, geladen mit entsprechendem Film.

Nachtrag 1

Auch die Kleinbild Rollei SL2000F / 300X-Serie bot Filmwechselmagazine. Insgesamt wurden nur ca. 10.000 Exemplare gebaut. Sicherlich ein finanzielles Desaster, die Entwicklungskosten inkl. Herstellanlagenkosten werden wohl nie hereingekommen sein, und zusätzlich mußte bei fast jeder 2000F auf Kulanz die Elektronik getauscht werden. (Christian Zahn)

Einen anderen Weg ging diese interessante Studie einer 4x4/6x6 Rollfilm Mittelformat-Messsucherkamera:

DOMNICK SUPER 4x4, PROFI 6x6

Auch nach mehrfachem Studium des Prospekts der DOMNICK PROFI 6x6 ist mir die Funktion nicht 100 Prozent klargeworden

Etwas weiter hilft der Spiegel-Beitrag „produkte“ zur Photokina 1972:

"Eine Kamera mit zwei Filmen hat Hans Domnick ("Traumstraße der Welt") ersonnen, um abwechselnd in Farbe und Schwarzweiß photographieren zu können. In dem Monster-Apparat (Format 6 x 6) ziehen Elektromotoren sekundenschnell den jeweils gewünschten Film aus den in den Griffen untergebrachten Spezialkassetten vor die Bildbühne und verstauen ihn bis zum nächsten Schuss wieder im Magazin. (Preis: etwa 1900 Mark; im Handel ab Frühjahr 1973.)"

Im Prospekt der „DOMNICK SUPER 4x4 und PROFI 6x6“, der uns in digitalisierter Form freundlicherweise von Leser Thomas Herrmann zur Verfügung gestellt wurde, ist zu lesen (Originaltext): 

  • „DIE ERSTE FOTOCAMERA DER WELT DIE GLEICHZEITIG MIT ZWEI FILMEN GELADEN IST.“
  • „Die neuartige Trenncassette. 2 Cassetten mit unterschiedlichen Filmsorten wahlweise schußbereit in der Camera. Jederzeitiger Austausch mit weiteren Cassetten. Wegfall des Lichtabdeck-Schiebers (gemeint dürfte der entsprechende Schieber in den Magazinen der Hasselblad sein …) bei allen Trenncassetten. Teilentwicklung belichteter Aufnahmen durch Schnitt (vergleichbar der Kine Exakta?) zwischen den beiden eng nebeneinanderliegenden Ab- und Aufwickelspulen. Verwendung der handelsüblichen Rollfilme Typ 120, 220 für 6 x 6 und Typ 127 für 4 x 4 Aufnahmen.“
  • „Die 2-Cassetten-Camera mit dem System der „beweglichen Aufwickelspule“ („rolling spool system“). Ab- und Aufwickelspule sind in der Trenncassette dicht nebeneinander angeordnet. Die Aufwickelspule wird unter Sperrung ihrer Drehung elektromotorisch über die Bildbühne gezogen und nach Belichtung unter Aufspulung des Films automatisch in die Cassette zurückgerollt. Wegfall aller Hebelmechanismen. 4 Elektromotore steuern den gesamten Belichtungsablauf.“

Aha ;-)

  • „Zusätzliche Mattscheiben-Betrachtung in Augenhöhe mit identischer Perspektive in voller Bildgröße durch aufklappbaren Lichtschacht.“
  • „Die Idee zu dieser ersten 2-Cassetten-Camera der Welt wurde von Hans Domnick während seiner Aufnahmen zu dem Film und dem Bildband „Traumstraße der Welt“ geboren. Nach jahrelanger Entwicklung realisierte er das neuartige Cameraprojekt in Zusammenarbeit mit den führenden deutschen Firmen. (…)“

Hmm …

In der konventionellen Mittelformat Rollfilmkamera wird der Film Bild für Bild weitertransportiert, bis er von der Filmspule komplett auf die andere Spule  aufgewickelt ist und dann beim notwendigen Öffnen der Kamera weiter durch den Papierstreifen gegen Lichteinfall geschützt ist. Auf dessen Ende ist ein Klebestreifen, mit dem der belichtete Film gegen versehentliches Aufdröseln gesichert wird. Erst beim Einspulen in die Entwicklungsdose wird der Papierschutzstreifen entsorgt!

Und dieses „Laminat" aus Film und lichtdichtem Papierstreifen soll in der DOMNICK PROFI 6x6 bei wechselweisem Fotografieren in Farbe und SW bis zu 12 Mal hin und hergeschoben werden? Aufnahme für Aufnahme immer ein Bild weiter und dann das Ganze bei jedem Filmwechsel irgendwie zurück auf die zweite Spule im Magazin ... Hört sich abenteuerlich und technisch aufwändig = teuer an. Ob dieses bei jedem Filmwechsel Hin- und Her-Spulen/Transportieren des Rollfilms, der am Anfang auf einen durchgehenden Papierträger aufgeklebt ist, wirklich ideal gewesen ist? Hinsichtlich Planlage des großflächigen (6x6 cm Negativformat) Films?

Ich vermute, dass diese Domnick-2-Cassetten-Camera nie über das Prototypen-Stadium hinausgekommen ist. Immerhin zeigt die Spiegelseite Hans Domnick mit seiner Kamera in der Hand.

Korrektur

Vermutlich aus Platzproblemen waren nur Micro-Batterien (AAA) im Gehäuse. Auf der Photokina 72 mußten die laut Buch ständig heimlich getauscht werden, weil sie zu schnell leer waren. Und das trotz der enormen Maße von 220x125x92 mm (ohne Objektiv). Auf dem Photokina-Stand gab’s drei funktionsfähige Handmuster zu sehen, die aber intern als noch nicht serienreif von den Entwicklern bezeichnet wurden. Swaroski hatte entgegen dem Wunsch von Domnick noch eine KB-Version als Handmuster (funktionslos) gebaut, das nicht auf der Photokina gezeigt wurde. Interessant an der Domnick ist, dass sich Spuren lediglich in damaligen Fotozeitschriften bzw. Tages- und Wochenpresse finden lassen. Das WWW weiß quasi nix drüber. Und da findet sich sonst zu fast jeder exotischen Kamera irgendwas (Christian Zahn).

So wie oben bereits geschrieben, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich ein Filmemacher/Fotograf, der in Übersee arbeitet, auf Experimente mit dieser DOMNICK PROFI 6x6 eingelassen hätte. Wie im KB-Format zwei Canons oder Nikons dürften neben dem Filmen zum Fotografieren eher zwei Hasselblads oder Mitbewerber Mittelformat Gehäuse und ausreichend Magazine mit unterschiedlichen Filmen mitgeführt worden sein.

Es kann aber noch einen weiteren schwerwiegenden Grund gegeben haben, dass die DOMNICK PROFI 6x6 nie in Serie ging – denn:

„Die erste Fotocamera der Welt, die gleichzeitig mit zwei Filmen geladen ist“ war gar nicht die erste derartige Kamera! 20 Jahre zuvor wurde am 27. März 1951 eine „J.F. GRUBEN DUAL FILM CAMERA“ patentiert:

Was heute rel. schnell im Internet zu recherchieren war, dürfte 1972 erheblich aufwändiger gewesen sein. Um dann die Juristen in Gang zu bringen, wie weit die Domnick-Kamera das 21 Jahre alte Patent des J. F. Gruben verletzte …

Ein interessantes Detail der DOMNICK SUPER 4x4/PROFI 6x6 ist aber sogar heute in der Digitalzeit zu finden.

Das Fotografieren mit der Domnick in gewissem Abstand vom Gesicht, um auf der Mattscheibe den Fokus zu kontrollieren und die Bildkomposition zu bestimmen. Wie auf dem Monitor der Digitalkamera! Dann bei der Domnick aber mit Verzögerung auszulösen, bis der Film in Position ist …

Nochmals vielen Dank an Thomas Herrmann für die Entdeckung dieser ebenso exotischen wie interessanten Kamera!

Wichtiger Nachtrag 2, geschrieben von Christian Zahn

Die Entwicklung der Domnick verlief bis 1971 bei Zeiss-Ikon-Voigtländer in Braunschweig, Walter Swarofski war der Leiter. Als dann Zeiss Ikon aber den Laden an Rollei weitergab, war das natürlich Ende der Domnick-Entwicklung, und Domnick finanzierte den Rest aus eigener Tasche. 3 Millionen DM soll das letzlich verschlungen haben. Und bauen wollte es dann auch keiner. 

1978 hat sich Heinz Waaske der Sache angenommen und alles auf KB verkleinert, damit etwas Handliches herauskam. Domnick gründete dafür die Trenncassetten GmbH, Waaske machte es serienreif. Zeiss hatte 1979 wohl tatsächlich Interesse, diese Kamera von Yashica/Kyocera in Japan bauen zu lassen.

Aber auch daraus wurde nichts, auch die Japaner lehnten das Ganze ab. Waaske war zu sehr genialer Mechaniker, als dass er an die elektronische Miniaturisierung dachte. Eine Olympus OM1/2, die Pentax ME (super) oder die Canon AE1 Programm usw. waren so klein und leicht, dass man sich davon locker zwei Bodys umhängen konnte und keine fummelige und langsame Wechselmagazinkamera mehr brauchte.

Christian Zahn

 

Nachtrag 3 – Funktionsprinzip

Diese sehr primitive und natürlich nicht maßstabsgerechte Skizze stellt den Versuch dar zu verstehen, wie das Ganze funktioniert haben könnte

Das (rechte) Magazin ist geladen mit SW-Rollfilm. Der wurde in eine entsprechende Halterung gepannt und dann wie für Rollfilm üblich über eine Umlenkrolle auf die Aufwickelspule gezogen und dort befestigt. Dann muss das Magazin ggf. durch einen lichtdichten Schieber verschlossen und montiert werden.

Das (linke) Magazin ist geladen mit Color-Rollfilm. Auch der wurde in eine entsprechende Halterung gepannt und dann wie für Rollfilm üblich über eine Umlenkrolle auf die Aufwickelspule gezogen und dort befestigt. Dann muss das Magazin ggf. durch einen lichtdichten Schieber verschlossen und montiert werden. Um dann wie im Beispiel gezeigt auf Farbfilm zu fotografieren, muss die Colorfilm-Aufwickelspule motorisch (?) über eine aufwändige und hochpräzise Schiene aus ihrer Ruheposition an einen Anschlag in die Aufnahmeposition gefahren werden.

Eine Verwendung der auf der Rückseite der Domnick zu sehenden Mattscheibe inklusive Klapplichtschacht für präzisere Schrfeinstellung ist also nur möglich, wenn beide Filme in ihren Magazinen stecken. Mit dem Film in Aufnahmeposition wird auch die auf der Rückseite der Domnick angebrachte Mattscheibe verdeckt! Was in der Skizze grün als "Filmpositionierungs-Schiene" beschrieben ist, ist in Wirklichkeit eine große Mattscheibe, die für die Planlage des Rollfilms sorgen soll. Ob es der so gut tut, wenn nach jeder Aufnahme das Papier des konventionellen Rollfilms darüber gezogen wird?

Wenn dann in einer Aufnahmeserie vom Farbe auf Schwarzweiss gewechselt werden soll, muss die Colorfilm-Aufwickelspule zurück auf ihre Ruheposition gefahren werden. Um dann den SW-Film Aufwickelspule aus der Ruhe- in die Aufnahmeposition zu fahren. Und so weiter und so weiter, bis der jeweilige Rollfilm voll ist.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Präzision und Leichtgängigkeit das Schienensystem und Motorsteuerung gehabt haben müssen. Wo beim Hin- und Herfahren der jeweiligen Aufwickelspule der auf die Negativbreite samt unbelichtetem Steg zwischen den unentwickelten Aufnahmen Filmtransport präzise berücksichtigt werden muss. 

Das Ganze war sicher technisch machbar, aber zu welchen Kosten? Es wirkt auf mich, wie der vergebliche Versuch eines Erfinders mit dem Kopf durch die Wand gehen zu wollen. Ohne sich ernsthaft an den Misserfolgen der teuren und vorne gezeigten Kleinbildfilmwechselmagazine zu stören.

Wer sollte ernsthaft nur EINE derartig komplizierte und möglicherweise anfällige Kamera auf eine aufwändige und kostspielige Expedition mitnehmen. ZWEI Hasselbladgehäuse, mehrere Rollfilmwechselmagazine, geladen mit unterschiedlichen Filmsorten und und neben dem 80 mm Normalobjektiv noch zwei, drei Wechselobjektive dürften Übersee die benötigte Sicherheit geboten haben. Oder eben zwei KB SLR-Gehäuse mit unterschiedlichen Filmen geladen und entsprechenden Wechselobjektiven.

Ralf Jannke, September 2020

 

Kommentare (2)

  • Christian Zahn
    Christian Zahn
    am 04.09.2020
    Hans Domnick hat die Kameras übrigens nicht selbst entwickelt. Da er mit seinen Spiel- und Dokumentarfilmen viel Geld verdient hatte, finanziert er die Produktion der Prototypen (unter Mitwirkung von Heinz Waaske, der u. A. die berühmten Rollei 35, A26 und A110 entwarf). Eine Serienproduktion wurde m.W.n. nicht durchgeführt, es fand sich im Zuge der Krise der deutschen Kamerindustrie wohl kein Werk, das in diese Nische investieren wollte.
  • Jürgen Swarofsky
    Jürgen Swarofsky
    vor 4 Tagen
    Die Kamera wurde hauptsächlich von den Herren Papke und Swarofsky (Konstrukteur der Spiegelreflexkameras bis hin zur VSL3) in den restlichen verbliebenen Räumen der Entwicklung und des Versuchs in dem Gebäude der bankrotten Firma Voigtländer in Braunschweig entwickelt. Start war 1971 und immerhin innerhalb eines Jahres bis zur Fotokina 1972 haben sie es geschafft einige Mockups und auch funktionierende Kameras dort auszustellen, wobei die Kunststoff-Spritzteile aus serientauglichen Werkzeugen gefertigt wurden. Eine geplante Weiterentwicklung, da allen klar war, daß die Kamera so nicht marktgerecht war, fand dann nicht mehr statt.

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