Sony Mavica FD83

Ein berühmter Name und eine „falsche“ Bezeichnung für eine ganze Kameraserie! Die 1981 präsentierte, aber nie in Serie gegangenen Sony MAVICA (MAgneticVIdeo CAmera) war eine Still(bild)-Videokamera, deren Fotos („Stills“) in analoger Form auf ein diskettenartiges Medium geschrieben wurden. Dennoch gab Sony auch späteren Digitalkameras diesen Namen. Von 1997 bis 2002 produzierte Sony Mavica Digitalkameras mit 3,5"-Disketten als Wechselspeicher. Was heute albern erscheint, hatte in Zeiten, wo das 3,5 Zoll Diskettenlaufwerk im Notebook noch Standard war, seine Berechtigung. Verglichen mit der lahmen Übertragung über die serielle COM-Schnittstelle, war das Foto blitzschnell im Rechner und bei Bedarf online gleich weiterversandt!

Einem Vertreter dieser Kameraklasse gilt heute die Aufmerksamkeit, der 1999 vorgestellten Sony Mavica MVC-FD83

Als Besonderheit kann die FD83 aus dem 1024x768 Pixel Sensor (XGA-Auflösung) kameraintern gleich 1216x912 Pixel Bild generieren. Die „Mogelpackung“ 1,3 Megapixel ist aber keine wirkliche, weil auf der Frontseite der FD83 unübersehbar „INTERPOLATED MEGA PIXEL IMAGE“ zu lesen ist. Wenn der Anwender denn wusste, was das bedeutet. Außerdem „kann“ die FD83 MPG-Video: 15 s in 320x240 Pixel (4:3) Größe oder 4 160x112 Pixel (4:3) Schnippselchen a 15 s. Durch Kürzen der Aufnahmedauer auf 10 oder 5 s passen noch entsprechend mehr Kurzvideos auf die Diskette.

Zur Demonstration der Videofähigkeiten gibt es hier ein kleines 320x240 Pixel Video, das mit Hilfe der Freeware MPEG Streamclip aus drei Disketteninhalten = Mavica-Videos zusammengeschnitten wurde. Aber 320x240p? Nette Beigabe, mehr nicht! Oder doch? Weil eben digital und sofort nach Einschieben der Diskette im Computer verfügbar. 

Weitere Besonderheiten der Mavica FD83

Sucher und Bildwiedergabe erfolgen über einen transreflektiven 2,5" TFT LCD Monitor mit 84.000 Bildpunkten. Zwecks Energieeinsparung kann die Hintergrundbeleuchtung bei Außenaufnahmen unter Tageslicht abgeschaltet werden, was sich als Marketing-Gag erweist. Abgeschaltet ist bei Tageslicht so eben was zu erahnen. Eine sichere Motivbeurteilung sieht anders aus! Und wehe, es fällt genug (Sonnen-)Licht auf den Monitor. Dann sieht man – gar nichts... 

Neben Einzel-Autofokus (AF-S) und kontinuierlichem Autofokus (AF-C) gestattet die FD83 echte manuelle Fokussierung (MF), deren Schärfebeurteilung auf dem nur 84000 Punkte auflösenden Monitor aber fragwürdig ist. Dazu gesellt sich ein 1 Inch (2,54 cm) Makromodus. Bildeffekte (Picture Eject): Negative Art, Sepia (Tonung), B&W (Schwarzweiß), Solarize (Solarisierung) Programme: Spotbelichtungsmessung, „Wenig Licht“ Low Lux 1 und 2, Sonnenuntergang, Mondschein, Landschaft (Fokus auf Unendlich fürs Foto durch eine Glasscheibe), Panfocus (Wenn kein Auto-Fokussieren möglich ist)

Der komplette Disketteninhalt kann über den Kameraspeicher auf eine zweite Diskette kopiert werden. Als Zubehör gibt es eine Weitwinkel- und Tele-Vorsatz-Linse, sowie einen

Weitwinkel-/Tele-Twin-Converter Wenn man das alles so liest, sieht es nach einer für ihre Zeit gut ausgestatteten Kamera aus. Die aber einen schwerwiegenden Nachteil hat: Die Bildqualität leidet durch unnötig starke Komprimierung der Bilddateien!

In der Standardauflösung hat ein unkomprimiertes 1024x768 Pixel Bild eine Größe von 2,25 MB, exakt 2304 KB. Bei einer JPEG-Komprimierung von 4:1, 8:1, 16:1 und 20:1 erhalte ich Dateigrößen von 576 KB, 288 KB, 144 KB und 115 KB. Gute, moderne Kameras bieten 4:1 und 8:1 JPEG-Qualität und den Rest nur als Notbehelf, wenn der Speicher knapp wird. Auf die 1,44 MB Diskette würden also 2 4:1 JPEGs, 4 8:1 JPEGs oder eben 10 16:1 JPEGs passen. Sony gibt 8 bis 12 Bilder an, die in der Standard-Einstellung – 1024x768 Pixel, Komprimierung „Standard“ – auf die 1,44 MB Diskette passen sollen. Also liegen wir im Bereich 16:1 bis zu 20:1. Problem, die bessere 4:1/8:1 JPEG-Komprimierung/Qualität wird nicht angeboten! Es kann selbst 1999 doch nicht so schwierig gewesen sein, neben der „Standard“ und „Fine“-Einstellung noch eine – nennen wir sie – eine „Ultrafine“- und eine „Superfine“-Qualitätsstufe zu bieten. Für bestimmte Zwecke würden dann eben nur 1-2 Bilder auf die Diskette passen. Für so etwas interessierte sich die anvisierte Käuferschaft 1999 aber vermutlich nicht, bzw. die Mehrzahl hatte von so etwas keine Ahnung...

Die interpolierten Pixel der Mavica

Ein Marketing-Unsinn und unnötige Platzverschwendung auf der von der Kapazität eh schon viel zu kleinen Diskette, ist die von der Kamera-Firmware interpolierte 1216x912 Bildgröße. Hier ein direkter Vergleich kamerainternes Hochrechnen des 1024x768 Pixel Bildchens gegen die Photoshop Interpolation. Das Urteil, wer besser interpoliert – Firmware gegen Photoshop – überlasse ich dem Betrachter... 

Für an analoger Technik interessierte Betrachter: Kameragehäuse ist die für den japanischen Markt bestimmte Nikomat FT - für den Rest der Welt Nikkormat FT - von 1965 mit Extrablitzschuh, bestückt mit dem superlichtstarken 1,4/35 aus den ersten 1970er Jahren)

Was bleibt?

Das mit f/2 vergleichsweise superlichtstarke Objektiv, das in Verbindung mit den Lux 1 und Lux 2 Einstellungen Fotos bei ganz wenig Licht ermöglichen soll, wo bei anderen Digitalkonsumerkameras dieser Zeit schon Schluss war. Was noch? Der Einschaltsound einer Spielkonsole, ein für 1999 „spaciges“ Gehäuse, ein Hingucker und Gesprächssto????, wenn man die Sony Mavica FD83 mal mitnimmt, mehr nicht. Es bleibt eine nette Vitrinenkamera...

Wer sich für die technischen Details der Sony Mavica FD83 interessiert, findet sie in der englischsprachigen Bedienungsanleitung.

Ralf Jannke, 2015, Neufassung Frühsommer 2018 nach dem Umzug von Google ins Digicammuseum.de

 

 

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