War PhotoMac 1988 wirklich die erste Bildbearbeitung der Welt für Homecomputer?

"Hast Du mal recherchiert, ob PhotoMac wirklich das erste Programm seiner Art war? Ich kann mich erinnern, auf dem Amiga mit "Art Department Professional" gearbeitet zu haben. Das war um 1992, keine Ahnung wie lange das Programm damals schon auf dem Markt war. Die Besonderheit war, dass man das zu bearbeitende Bild nicht sehen konnte. Sehr kuriose Software."

Hmmm...

Rollen wir das Ganze doch einfach mit Hilfe von Google & Co auf. Über das von Boris Jakubaschk genannte Programm „Art Department Professional“ von ASDG auf dem Commodore Amiga gibt es sogar ein nettes Youtube-Filmchen, was tatsächlich auf 1992 datiert ist.

Schaut man dann in „Amiga productivity software“, findet man zu Grafik-Software unter anderem Deluxe Paint I von 1985. Deluxe Paint II for PC (= MS DOS 2.0) erschien 1988.

Ich gebe offen zu, dass die Commodore C64 „Brotkasten“- und die nachfolgende Amiga- und Atari-Ära spurlos an mir vorübergegangen ist. Zum Atari fand ich zum Thema Bildbearbeitung noch diese Auflistung.

Wer sich in der Amiga-, Atari-Welt gut auskennt und eine echte Bildbearbeitung, KEIN Malprogramm (!) von vor 1988 nennen kann, ist herzlich eingeladen, sich zu melden, um sein Wissen und auch einen Screenshot beizusteuern!

Meine Welt war/ist MS DOS, Windows, Apple Mac OS 7-9, Apple MAC OS 10.x und ein wenig Ubuntu-Linux.

MS DOS (Windows)

DiskOperatingSystem – DOS

Ich kann mich gut an meinen Beruf erinnern, wo zu Windows XP/7-Zeiten Spezialkameras zur Erfassung von Fehlern in Folien und Kunststoffgranulaten und deren nachgeschaltete Hochleistungsrechner im Gehäuse eines gewöhnlichen Industrie-PCs tatsächlich noch unter MS DOS 6.2 betrieben wurden! Welche Mühen es gemacht hat, um 2005 DOS-Progamme zu finden, die Screenshots der Kamera-/Fehlerauswert-Programme aufnehmen konnten und ein weiteres, um die Dateien mangels CD, USB und Vernetzung zwecks Datenaustausch unter DOS auf eine 3,5" Diskette mit 1,44 MB Fassungsvermögen zu bekommen. Um die Screenshots in Bedienungsanleitungen zu pflegen, die auch für die Schichtleute außerhalb der normalen Arbeitszeiten zu verstehen waren, wenn sie die Maschinen bedienen mussten. Heute noch im Internet zu finden sind Graphic Workshop und Screen Thief (Screenshot-Programm), die ich bis ca. 2010 verwendet habe.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen ;-) Links: Screen Thief für DOS, rechts: Graphic Workshop für DOS.

Unter DOS mit der von Screen Thief vorgegebenen Tastenkombination Alt-Ctrl-T (deutsche Tastatur: Alt-Strg-T) aufgenommen und in den Ordner Thief gespeichert.

Steuerung von Graphic Workshop (GWS) über die Funktionstasten. Ausführung im DOS-Fenster von Windows 98. Auch, um an die Screenshots zu kommen. Im DOS-Arbeitsspeicher war nicht genug Platz, um Screen Thief im Hintergrund UND Graphic Workshop in allen Funktionen parallel laufen zu lassen...

Funktionstaste F4, um an die Datei-Informationen zu kommen (links), Funktionstaste F2 zum Konvertieren/Speichern in einem anderen Dateiformat (rechts).

Mit Funktionstaste F9 "for effects" anzuwählen kommt unter "Special effects" unter anderem mit "Sharpen" (Schärfen) so etwas wie Bildbearbeitungsgefühl auf... Und hier das "Ergebnis":

Mit Funktionstaste F5 "to crop" lassen sich Ausschnitte aus dem Bild anfertigen.

Oben noch zwei Beispiele, was "in Farbe" möglich war. Oder besser NICHT möglich war. Mit Bildgrößen von 640 x 480 oder besser noch 320 x 240 Pixel und 256 Farben, um den DOS-Arbeitsspeicher nicht zu überfordern, war nicht viel Staat zu machen. Es mag mit vielleicht sogar 640 x 480 Pixel großen 256 Graustufenbildern besser funktioniert haben, aber die gezeigte Schärfung unbekannter Art und Stärke fällt dort nicht überzeugend aus. Und alles ohne WYSIWYG – What You See Is What You Get – unsichtbar im Hintergund.

Theoretisch ist Graphic Workshop eine EBV.

Aber realistisch? Haben Sie auf die Zeitdaten geachtet? Alchemy Mindworks wurde 1988 gegründet. 1989 dürfte es vermutlich die erste Version von GWS gegeben haben. Die hier eingesetzte Version 6.1v ist von 1992. Um kurz auf PhotoMac zurückzukommen, das wurde 1988 präsentiert!

Deluxe Paint II für DOS

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil ;-)

Erst, nachdem Beispielfotos auf 320 x 200 Pixel MCGA-Auflösung verkleinert und die Farbtiefe von 24 bit Farbtiefe/16,8 Mio Farben auf 8 bit Farbtiefe/256 Farben reduziert und im Interchange File Format – IFF (1985) – gespeichert wurde, war Deluxe Paint II für DOS in der Lage die Dateien zu öffnen!  

Nichts gegen die Leistung des DOS-Grafikprogramms von 1985/1988. Das aber gegen PhotoMac zu vergleichen und als Bildbearbeitung im heutigen Sinn zu bezeichnen, halte ich für verwegen!

PC Paintbrush 1.0 für Windows von 1993

OK, PC Paintbrush 1.0 für Windows stellt bereits folgende Bildbearbeitungswerkzeuge zur Verfügung: "Helligkeit und Kontrast", "Tönung und Sättigung", "Skalieren" und unter "Spezialeffekte" auch eine Möglicheit zum Schärfen. ABER: Wir sind in 1993!

Meine Mac-"Worksation"-Ecke ;-) Zugegeben wenig stilecht mit dem 15“ NEC-Flachbildschirm ;-) Aber gemäß dem Motto: "Platz ist in der kleinsten Hütte..." Wenn der Powermac G3 mal partout eine 400 oder 800 KB-Diskette mit dem alten Apple-Format nicht lesen will, obwohl er es können müsste, kommt der LC zum Einsatz...

Apple MacPaint von 1984

Da ich Apple Macintoshs Erstwerk MacPaint immer gehütet habe, hier ein paar Screenshots dieses Malprogramms, das drei Jahre nach der Geburt des IBM Personal Computers (PC) 1984 Apples überlegene grafische Fähigkeiten demonstrieren sollte. Installiert und ausgeführt wurde MacPaint auf dem Macintosh LC im reinen Schwarzweiß-Modus des Monitors...

Auch im „Verlorenen Video, wo der junge Steve Jobs den Apple Macintosh vorstellt“ – The Lost 1984 Video: young Steve Jobs introduces the Macintosh –, taucht MacPaint auf. Das Video muss man als Mac-Anhänger einfach gesehen haben. Das ist keine Produktvorstellung, das ist ein Popkonzert ;-)

Alles in allem: 

Ist das Anfertigen von Screenshots in unterschiedlichen Größen und Umwandlung von Grafikformaten unter dem Betriebssystem DOS schon Bildbearbeitung? Und das ggf. mit Bildgrößen im Bereich 320 x 240 bis 640 x 480 Pixel und nur 256 Farben? Wenn ich mir den Screenshot von Deluxe Paint II für DOS ansehe und gegen MacPaint von 1984 vergleiche, sehe ich vergleichbare Werkzeuge. Wie in der Programmbezeichnung MacPaint und Deluxe Paint: Zahlreiche Mal- (englisch Paint-) Werkzeuge, aber eben noch nichts, was eine Bildbearbeitung ausmacht: Helligkeits-, Kontrast- und Farbkorrektur, sowie Nachschärfen.

Allenfalls die mir fremde Commodore-Amiga- und Atari-Welt könnte da noch für eine Überraschung sorgen!

Vielleicht ist PhotoMac (doch) nicht die erste, ziemlich sicher aber mit eine der ersten Bildbearbeitungen für einen Home-Computer.

Ralf Jannke

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