Faszination Superlichtstärke

Meine Frau rümpft jedesmal die Nase, wenn ich im Altpapier krame ;-)

Selten korrekt gelagert, umgibt das Papier immer ein gewisser Dachspeicher-/Kellermuffgeruch… Aber da sind Sachen drin, die man im Internet eben nicht mal eben oder gar nicht findet!

Alles im Intro-Bild Gezeigte sind Raritäten aus den Anfang 1960er Jahren. Das superlichtstarke 1,1/50 mm Zunow, das für Mess-Sucherkameras mit Contax-, Leica- und Nikon-Bajonett sowie Canon-, Leica- und andere M39 Schraubanschluss angeboten wurde. Aggressiv beworben – man könne/solle sein vorhandenes 1,4/1,5/2,0/50 mm Objektiv mit einem Preisaufschlag doch gegen das mit 450 US Dollar ausgezeichnete Zunow tauschen. 

450 Dollar entsprachen um 1960 1800 D-Mark. Unter Berücksichtigung der Kaufkraft heute etwa 5940 DM oder etwas über 3000 Euro, wenn ich die Umrechnungstabellen richtig verstanden habe.

Dem Treiben sah Nikon nicht lange zu und offerierte sein gleich lichtstarkes 1,1/50 mm Nikkor kurzerhand für 299,50 US Dollar. Noch ins Bild montiert der nie produzierte Prototyp eines EINS-KOMMA-NULL 50 mm Nikkors für die Nikon Mess-Sucherkamerareihe.

Braucht man bei ISO-starken Digitalkameras heute überhaupt noch höchste Lichtstärken?

Eigentlich nicht, aber velleicht ist es die Faszination der riesigen Frontlinsen, des hellen Sucherbilds, wenn es sich um eine Spiegelreflexkamera handelt ;-)

Dazu eine kleine Geschichte ultralichtstarker Normalobjektive 

Wobei ich alles zwischen 40 und 60 mm Brennweite als "Normalobjektiv" für das 24 x 36 mm Kleinbildfilm/Sensor-Vollformat gelten lasse.

In Reihenfolge der Lichtstärke

Uneinholbar an der Spitze würde das 0,33/40 mm Carl Zeiss Super-Q-Gigantar liegen. Würde? Ja, denn das „Q“ in der Objektivbezeichnung soll für deutsch „Quatsch“ stehen. Das "Gigantar" wurde aus aus vorhandenen Objetivteilen und einer unübersehbaren riesigen Frontlinse zusammengebastelt, die als Kondensorlinse aus einem Vergrößerer stammt. Das Objektiv ist ein reiner Fake, ein Dummy, der technisch gar nicht funktionierte. Das Zeiss Gigantar diente auf der Photokina 1966 als Blickfang ;-)

Kein Quatsch war das für die NASA entwickelte Carl Zeiss 0,7/50 mm Planar

1966 für Fotos von der erdabgewandten, dunkleren Seite der Mondoberfläche vorgesehen, benutzte auch Fotograf und Kult-Filmemacher Stanley Kubrick (2001: Odyssee im Weltraum) das Objektiv für seinen Film Barry Lyndon. Weil er darauf bestand bestimmte Szenen ausschließlich bei Kerzenlicht zu drehen. Für eine heutige Digitalkamera ein Klacks, 1975 eine Riesenherausforderung. Zehn 0,7/50 mm Planare sollen gebaut worden sein. Ein Exemplar hat Zeiss behalten, sechs wurden an die NASA verkauft und die restlichen drei an Stanley Kubrick. Das 0,7/50 mm Zeiss zeichnet jedoch nur das halbe Kleinbildformat aus: 18 x 24 mm. Was dann genau dem Format der Einzelbilder des 35 mm Filmformats für bewegte Bilder entspricht.

Die Schärfentiefe des Zeiss Planars ist bei maximaler Blendenöffnung von ƒ/0,7 äußerst gering. In einem Abstand von 2 m zum Objekt ist dieser Bereich rechnerisch lediglich 7,95 cm groß. Die Darsteller mussten daher sehr genau darauf achten, sich nicht zu schnell zu bewegen, damit Kameramann John Alcott sie nicht aus dem Fokus verlor. Für seine Arbeit an Barry Lyndon wurde John Alcott 1976 mit dem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet.

Nüchterne Abmessungen und Gewichtsangaben (Durchmesser der Frontlinse 76 mm, Gewicht 1,85 kg) können nicht das verdeutlichen, wo Stanley Kubricks Tochter Vivian das 0,7/50 mm Zeiss Planar ihres Vaters auspackt, um es einem Besucher zu zeigen! Hier der dazugehörige Youtube-Film.

Das zweitlichtstärkste Objektiv der Welt…

… haben wir schonmal gezeigt, ein RAYXAR E50/0,75.

Dieses gewaltige Objektiv wurde für Röntgen-Systeme entwickelt, und ist nicht so schwer zu finden. Weil dieses Objektiv nur für Röntgenzwecke eingesetzt wurde, hat es keine Fokussierung und keine Blende. Ich muss IMMER mit Blende f/0,75 fotografieren, und die fest eingestellte Entfernung entspricht ca. 2 m. Sinnvoll – sofern man überhaupt davon sprechen kann – ist das eigentlich nur auf einer Digitalkamera mit Liveview einzusetzen. Es ist auch nicht 24x36 mm Kleinbild-/Vollformatsensor-tauglich. Auch der kleinere 19x27 mm (APS-H) Sensor wird nicht komplett ausgezeichnet.

Unbedingt gennant werden müssen noch das 0,95/50 mm Canon von 1961 für die entsprechenden Messsucherkameras, das Leica 1,0/50 mm Noctilux von 1975 und der Nachfolger 0,95/50 mm Noctilux von 2008. Dazwischen „schob“ sich noch das heute nicht mehr produzierte 1,0/50 mm Canon L USM von 1989 für die EOS SLR, was 2007 durch das 1,2/50 mm L USM ersetzt wurde.

Frühe lichtstarke Objektive für 35mm und andere Kleinbildformate

Kein Normalobjektiv, aber im Verhältnis zur Brennweite ultra-ultra-lichtstark: 1,2/240 mm Zoomar

Ich fand in einem alten Magazin dieses 1,2/240 mm ZOOMAR (obwohl es kein Zoomobjektiv ist). Es wiegt irre 11 kg und ist 32,4 cm lang. Es sollte für Kameras bis 6x9 cm Format einsetzbar sein, z.B. eine Pentax 6x7. Aber irgendwie passt das nicht: Brennweite, Wahnsinns-Lichtstärke und so große Filmformate. Ich fand es trotzdem interessant! Hätte man einem gedachten 0,6/120 mm Objektiv einen 2-fach Telekonverter montiert, wäre genau das rausgekommen: ein 1,2/240 mm Objektiv. Und noch weiter gesponnen, und das 120er nochmal halbiert, wäre ein unmögliches 0,3/60 mm das Ausgangsobjektiv… Wie sagte schon Spock von der Enterprise: Faszinierend ;-)

Zurück zur Realität

Je dichter es an die Eins geht… 1,2/55 mm Canon FL auf der motorisierten Canon F1

Nikon NIKKOR 55mm 1:1.2

1,2/55 mm Nikkor per Adapter auf der spiegellosen 16 Megapixel 15 x 23 mm APS-C-Sensor FUJIFILM E-E2. Zum Vergleich daneben das ähnlich große 1,8/85 mm MF Nikkor auf der 16 MP Volformat DSLR Nikon D4.

Ich konnte nicht widerstehen…

Laut Seriennummer wurde das manuell zu fokussierende 1,2/55 mm Nikkor zwischen April 1977 und April 1978 gebaut. Das aus 7 Linsen in 5 Gruppen bestehende 55 mm Objektiv hat einen Durchmesser von 72 mm (Filtergewinde 52 mm), ist 49,5 mm lang und wiegt satte 410 g.

Besonders vorgesehen ist das superlichtstarke 55er für die Fuji X-Kameras mit ihrem hervorragenden elektronischen Scharfeinstellsystem, das die Wahl zwischen einem elektronischem Schnittbildentfernungsmesser oder Kantenanhebung bei korrektem Fokus in wählbarer Farbe ermöglicht. Denn bei Blende 1,2 MUSS der (manuelle) Fokus sitzen!

Selbstverständlich "darf" das 1,2/55 auch mal auf die Vollformat Nikon D4, um zu sehen wie dann die Ecken aussehen. Was aber im Grunde unwichtig, ja unerheblich ist, denn mit Blende f/1,2 wird man kaum flächige Motive zwecks Reproduktion ablichten, sondern in diesem Fall mit dem Bokeh, der Unschärfecharakteristik vor und hinter dem fokussierten Hauptmotiv bei offener Blende und ausgewählten Motiven spielen.

Die lichtstarken 1,2/50/55 mm Nikkore werden gewöhnlich ab 350 Euro und gelegentlich auch über 500 Euro gehandelt. Das vorgestellte Exemplar kam für 270 Euro.

Eine Sonderstellung nimmt das 1,2/58 mm Noct Nikkor ein. Ein paar Quellen zu diesem superlichtstarken Normalobjektiv:

Die aktuellen (Anfang 2019) Preisvorstellungen beginnen bei 2000 Euro…

Neuerwerb auf der 16 MP Vollformat DSLR Nikon D4

Größenvergleich

  • 2,8/45 GN (*) Nikkor, produziert zwischen August 1968 und 1971 
  • 1,8/50 mm Serie E (erste Version), produziert von März 1979 bis März 1981
  • 1,4/50 mm AF "Stange", 1986 zusammen mit der Autofokus SLR Nikon F501 eingeführt 
  • 1,2/55 mm MF Nikkor, produziert zwischen April 1977 und April 1978

(*) GN steht für GuideNumber, zu Deutsch Leitzahl. Leitzahl eines Blitzgeräts. Zum Verständnis ein kleines Rechenbeispiel. Leitzahl geteilt durch Entfernung gleich einzustellende Blende:

40 : 5 (m) = Blende 8 oder 40 : Blende 4 = 10 m Blitzentfernung

Die Leitzahl/GN von 40 stelle ich am 2,8/45 mm GN Nikkor ein und koppele Blenden- und Entfernungsring. Von diesem Moment an brauche ich mich um die Blitzbelichtung nicht mehr zu kümmern. Parallel zum Fokussieren wird automatisch die richtige Blende eingestellt. Zumindest in dem Bereich, den das Objektiv hergibt.

Und noch ein Größenvergleich

Glaubt auch nur ein Kamera-/Objektiv-Hersteller die gegenüber Frühjahr 2017, 2018 und 2019 auf dem Weg der Halbierung befindliche Produktion an optischem Gerät so aufhalten zu können? In dem er wie rechts abgebildet ein derartiges 50 mm Monster baut, das unter Umständen noch manuell fokussiert werden muss? Es ist fast schon peinlich, wenn solche über 1000 Euro-Langweiler dann verzweifelt zum halben Preis wieder verkauft werden sollen…

Langweiler?

Es gibt Leute, die das 50 mm Normalobjektiv als Langweiler herabwürdigen. Ich möchte meine Zooms keinesfalls missen, habe aber an einem Rundgang mit dem "Langweiler" immer wieder Freude. Das 50er zwingt zum genauen Hinsehen, wenn das Motiv passen soll. Nach rechts, nach links, nach vorne, nach hinten, in die Hocke und so weiter. Das trainiert das Auge! Und noch mehr, wenn es auf der 1,5-Crop 15 x 23 mm APC-S Sensor Kamera steckt und so zum 75 mm annähernd Porträt-Teleobjektiv wird.

Theoretische Qualität der f/1,2 lichtstarken Nikon Objektive

Sternchenwertung

Man kann über die Sternchenwertung lästern und spotten, ich wollte sie aber doch zeigen. Im Zusammenhang mit den lichtstarken Objektivn fiel mir noch ein Frühwerk ein, 2008 für die damals noch von Thomas Maschke geführten Photoscala geschrieben: "Das digitale Leben manueller Nikkore" In dem Beitrag auch verlinkt: "Nikon D3...Nikon D700 – Quel objectif pour les Nikon – 24 × 36 à capteur 12 Mpix? 110 optiques comparées... pour le Nikon D3 et le Nikon D700" Und aus dieser Quelle stammt die Wertung.

Interessant, dass bei Offenblende das alte 1,2/55 mm dort nicht schlechter abschneidet als der modernere Nachfolger 1,2/50 mm und das 1,2/58 mm Noct Nikkor mal gerade ein Sternchen mehr in der Bildmitte holt. Weiter auf f/4 abgeblendet sind die Objektive fast gleich. Was aber letztlich uninteressant ist, denn ein 1,2/50/55/58 mm Objektiv will man ja schließlich bei Offenblende verwenden, denn wozu hat man es sonst erworben?

Lichtstärke f/1,2 ist übrigens das Maximum, was das jetzt 60 Jahre alte Nikon F-Bajonett gestattet. Erst mit der Nikon Z6/Z7 und dem größeren Bajonett ist mehr Lichtstärke möglich. So ist für die spiegellosen Z-Modelle ein 0,95/58 mm Noct Nikkor angekündigt. Ein reines Renommier-Objektiv um zu zeigen, was man bei Nikon kann. Theoretisch ermöglicht das Nikon Z-Bajonett Objektive bis Lichtstärke f/0,65… Canon hat zur EOS DSLR wie zur spiegellosen EOS R "nur" ein 1,2/50 mm. Nachdem das 1,0/50 mm Canon USM L seit 2007 nicht mehr produziert wird.

Das angekündigte 0,95/58 mm Noct Nikkor zur Z6/Z7 dürfte auch der Grund für die mittlerweile in größerer Zahl angebotenen 1,2/58 mm Nikon F Noct Nikkore sein. Wer verrückt genug ist, dafür Größenordnung 2000 Euro zu investieren. Der 0,95/58 mm Nachfolger dürfte irgendwo um 6.000 Euro liegen…

Das lichtstarke 1,2/55 mm Nikkor möchte ich gerne mit Offenblende probieren. Abgeblendet verliert es ja seinen Reiz ;-) Bevorzugt auf der spiegellosen Systemkamera FUJIFILM X-T20, weil mir auf der X-T20 das Fokussieren dank Fokus-Peaking (Kantenanhebung) ungleich leichter fällt als auf der Vollformat DSLR D4 – trotz Fokus-Anzeige. Das Nikkor ist im Urlaubsgepäck! Die D4 auch…

Einen ganz kurzen Blick aufs 1,2/55 mm Nikkor gibet es hier.

Im Abschlussbericht zur FUJIFILM X-T20 im Dezember 2019 gibt es ein paar weitere Kostproben: Bilder, fotografiert mit dem 1,2/55 mm auf der X-T20. Link folgt!

Ralf Jannke, Frühjahr/Sommer 2019

PS.: Ein Bekannter hatte sich „beschwert“, dass Zunow sein 1,1/50 mm nicht für das Sony Alpha 7-Bajonett angeboten hat ;-)

Dem Mann kann geholfen werden! Es kostet Größenordnung 25 Euro, um Leica M-, Leica M39 Schraub- und Contax/Nikon Rangefinder-Objektive auf die Sony A7 zu adaptieren. Wobei nicht klar sind, ob wirklich jedes Objektiv passt. Contax- und Nikon-RangeFinder-Bajonett sind übrigens nicht 100 Prozent identisch.

 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben