Als die Pixel laufen lernten: Der 0,1 MP Logitech Fotoman

Oft wird der Beginn der digitalen Fotografie auf 1981 datiert. Bei der in diesem Jahr präsentierten, aber nie in Serie gegangenen, Sony MAVICA (MAgnetic Vldeo CAmera) handelte es sich um eine Still(bild)-Videokamera. Die MAVICA-Fotos wurden in analoger Form auf ein diskettenähnliches Medium („Video-Floppy“) geschrieben. Wie bei den später verfüg- und kaufbaren Canon ION Still-Videokameras.

Erst mit der 1991 auf der CeBIT von Dycam vorgestellten und in Europa als Logi(tech) Fotoman vertriebenen Kamera, begann der Siegeszug digitaler Kameras für Heimanwender. Wofür aber rund 2000 DM investiert werden mussten!

Der circa 170x80x30 mm große und 300 Gramm schwere Fotoman besitzt die „sagenhafte“ Auflösung von 376x284 = 106784 Pixeln bei 256 Graustufen und eine Sensorempfindlichkeit von ISO 200. Der „Fotoman Plus“ bot 16,8 Millionen Farben (24 Bit). Neben baugleichen, in schwarzer Gehäusefarbe gehaltenen, Dycam-Modellen gab es noch ein Modell ADC. Mit der Agriculture (Landwirtschaft) Digital Camera sollte mit Hilfe der IR-Fotografie das Wachstum von Pflanzen besser kontrolliert werden können. Bestückt ist der Fotoman mit einem 4,5/65 mm (bezogen auf Kleinbild) Fixfokus-Objektiv. Alles zwischen 1 m und Unendlich wird scharf erfasst – soweit man bei dieser Kamera von Schärfe sprechen kann. 

Bei zu wenig Licht schaltet sich der Blitz automatisch zu. Die Verschlusszeit wird per Zeitautomatik zwischen 1/30 - 1/1000 s geregelt. Bei hellem Tageslicht oder Blitznahaufnahmen muss ein 8x Neutralgraufilter aufgeschraubt werden, was die einzige Eingriffsmöglichkeit in die Belichtung darstellt. Gegebenenfalls nahm man den Graufilter auch bei Blitzaufnahmen aus 1 m Entfernung.

Betrieben wird der Fotoman über NiCd-Akkus, deren Ladezustand über Sein oder Nichtsein der geschossenen Fotos entscheidet! Denn um das Kamera-Betriebssystem (die Firmware) und die maximal 32 Aufnahmen im flüchtigen (!) DRAM Speicher zu halten, müssen die gespeicherten Daten- und Bildinformationen von Zeit zu Zeit aufgefrischt werden, da sich Kondensatoren mit der Zeit selbst entladen. Sind die Akkus/Kondensatoren leer, sind alle Fotos weg. Spätestens nach 24 Stunden muss der Fotoman ans Ladegerät. Um diese Zeiten zu verlängern, gab es eine Lademöglichkeit über den Zigarettenanzünder eines PKWs. Seinerzeit berichtete eine Internetseite über einen „digitalen“ Motorradtrip, wo die Logi-Bilder abends per Laptop ins Internet gestellt wurden. Nichts Besonderes? 1995 schon! Leider funktioniert der deshalb auch gelöschte Link nicht mehr. Dafür ein netter Internet-Beitrag über die Logi aus 1996.

Für nostalgische Gefühle sorgt die Übertragung der Fotos von der Kamera über die serielle COM-Schnittstelle in den Rechner. Endlich wieder mal kryptische Eingaben am DOS-Prompt ;-) Auf diese Weise wird auch das Kamerabetriebssystem (Firmware) neu installiert. Bitte unbedingt Kaffee bereitstellen ;-) Eine Dreiviertel Stunde vergeht, bis alle 32 Fotos vom Fotoman im Rechner sind.

Neben der Neugier auf die ebenso primitive wie erste Consumerdigitalkamera aus der „Steinzeit“ liegt der Reiz des für 20 Euro im Internet ersteigerten Fotomans in der puren SW-Fotografie und dem Gebrauch der körpereigenen „Zooms“ Beine, Knie, Rücken und Kopf, um dem Fotoman ein paar Bildchen abzuringen. Viel Spaß mit dem Tableau.

Ralf Jannke

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