Aus der Altpapiersammlung

Ein bisschen Zoom Geschichte

Das erste Patent für ein Objektiv mit verstellbarer Brennweite meldete Clile C. Allen 1902 an. Bell and Howell präsentierten 1932 das Cooke “Varo” 40–120 mm-Objektiv für 35-mm-Kino-Filmkameras.

1936 kommt ein 1:2,8/25-80 mm Busch-Vario-Glaukar für 16 mm Filmkameras von Siemens. Das Format der Einzelbilder beträgt 10,3 mm x 7,5 mm, was einer Diagonale von 12,7 mm entspricht. Ein Objektiv, das dem 24 x 36 mm 50 mm Kleinbild-Normalobjektiv entspricht, müsste für das 16 mm Filmformat der Formatdiagonale entsprechen, also 12,7 mm Brennweite haben. Das 1:2,8/25-80 mm Busch-Vario-Glaukar startet bei der doppelten Brennweite, würde also etwa einem 2,8/50-160 mm KB-Zoom entsprechen. 

1952 stellt Zeiss mit dem 2/30-120 mm Pentovar ein erstes Zoom für 35 mm Filmkameras vor. Dazu muss man allerdings wissen, dass das Format des Einzelbildes des 35 mm Kinofilms nur 18x24 mm beträgt. Dieses Objektiv kann das volle 24x36 mm Format des 35 mm Kino-/Kleinbildfilms nicht auszeichnen. Die Diagonale des Kinofilms beträgt 30 mm. Das Pentovar entspricht etwa einem 2/50-200 mm KB-Zoom. Den 15 x 23 mm APS-C Sensor könnte das Pentovar schaffen…

Sieben Jahre später ist es soweit, Voigtländer präsentiert mit seinem Zoomar 2,8/36-82 mm 1959 ein Objektiv mit verstellbarer Brennweite, das das 24 x 36 mm Kleinbildformat auszeichnet. Auf den Markt kam das Voigtländer Zoomar 1:2,8/36-82 mm 1962. Mit Anschluss (Bajonett) für die Voigtländer Bessamatic und Ultramatic. Es gab auch eine Variante für die Exakta. Die beiden Versionen sind oben auf dem reproduzierten Altpapier abgebildet.

Das innenfokussierte Voigtländer Zoomar 1:2,8/36-82 mm – die Länge änderte sich weder beim Fokussieren noch beim Zoomen – besteht aus 14 Elementen. Der Filterdurchmesser beträgt 95 mm, das Objektiv wiegt 780 g. Kürzeste Einstellentfernung 1,3 Meter. 

Einmontiert in die Magazinseite eine – Pardon – miserable Reproduktion einer Kopie einer Kopie … der Abbildung einen Nikon-Zooms ganz ähnlicher Daten, ein 2,8-4/35-85 mm von 1961. Das Objektiv ging nie in Serie.

In der Februarausgabe 1956 der „U.S. Camera“ wurde über ein Symposium „The Ideal Camera“ berichtet. Eine der genannten Anforderungen war der Wunsch an ein Objektiv mit variabler Brennweite. Weil das Symposium so großes Interesse fand, veranstaltete „U.S. Camera“ für seine Leser einen Wettbewerb, in dem Skizzen und Spezifikationen für eine „Traumkamera“ eingereicht werden konnten“. Viele Teilnehmer forderten ein Zoomobjektiv auf der Kamera,  und der Gewinner des vierten Platz’ stellte sich die Zukunft in Form der links abgebildeten Kleinbildspiegelreflexkamera mit einem Zoomobjektiv vor. Der übersetzte Text ist in die alte Magazinseite einmontiert.

Mit einem Voigtländer Zoomar kann ich nicht dienen. Von Anmutung, Abmessungen und Gewicht kann ich aber etwas Ähnliches bieten:

Das von 1975 bis 1981 produzierte "Vivitar Series I 35-85MM 1:2.8" enthält 12 Linsen montiert/verkittet in 9 Gruppen, hat ein Filtergewinde von 72 mm und wiegt 722 g.

Gewaltig – das 2,8/35-85 mm Vivitar Serie I Varifocal…

Trotz der furchtbaren…

… Schlepperei – das Vivitar wiegt 775 g – werde ich dieses fälschlicherweise oft als Zoom bezeichnete Objektiv auf einen Rundgang mitnehmen.

Tatsächlich ist das "Vivitar Series I 35-85MM  1:2.8" kein Zoom, sondern ein "AUTO VARIABLE FOCUSING" Objektiv. Was bedeutet, dass bei jeder Brennweitenverstellung neu fokussiert werden muss!

Vor einem neuen Rundgang erstmal diese Testreihe aus 2013:

Vivitar-Testreihe

Zur Blendenreihe, die ursprünglich aus fünf 36 Megapixel Vollformat Nikon D800-Einzelaufnahmen bestand. Bitte auf die Reihe klicken.

Was fällt auf?

Ab Blende 4 ist das 2,8/35-85 mm Vivitar "langweilig", sprich scharf. Aber die Offenblende! Fast ein Geheimtipp. Diese Weichheit muss ich mit Photoshop & Co erstmal hinbekommen. Damit lässt sich doch bestimmt was anfangen. Ob der Unterschied f/2,8 auf f/4 auf analogem Film auch so deutlich zu sehen war? Die digitale SLR zeigt es gnadenlos. Auch auf die niedriger auflösende 16 MP Vollformat Nikon D4 montiert, zeigt das Vivitar bei Offenblende diese Weichheit. Es hilft alles nichts, das 2,8/35-85 muss zu einer kleinen Exkursion mit. Alternativ auch auf der 16 MP Fuji, die mit ihrem 15 x 23 mm APS-C-Sensor die Pixeldichte eines 40 MP Vollformat-Sensors aufweist! Dafür aber gnädig die unschärferen Bildecken wegschneidet.

Diese Blendenreihe stammt aus dem 2013 Beitrag „Alte Objektive und neue Kameras“ 

Worum ging es in dem (hier eingekürzten) Beitrag?

Mit einem „Flaschenboden“ – so die despektierliche Bezeichnung für vermeintlich schlechte Objektive – will doch keiner fotografieren? Wirklich? (…) Wäre da nicht diese eine Sache: „Es gibt (fast) kein Objektiv, das diesem oder jenem Sensor gerecht wird …“ Diese Behauptung wird von Zweiflern selten auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht. Dabei genügt für den Test ein einfacher Rundgang mit Kamera und Objektiv. Gewählt wurden seinerzeit die Nikon DSLRs D800 (Vollformat, 36 MP) und D7100 (APS-C-DX-Sensor,24 MP). Was die Objektive angeht, wurden zwei sehr alte, der optischen Höchstleistung unverdächtige Zoomobjektive eingesetzt.

Einmal das in der Liste der „Nikon’s 10 Worst Lenses“ („Die 10 schlechtesten Nikon-Objektive“) des ebenso umstrittenen wie unterhaltsamen Amerikaners Ken Rockwell gleich an erster Stelle genannte Zoom Nikkor 3,5/43-86 mm und das Vivitar Serie 1 2,8/35-85 mm.

Letzteres ist Thema dieses Beitrags.

2,8/35-85 mm Vivitar Serie 1 auf der Nikon D7100

Sieht schlimm aus…

Soviel erst mal zum Thema "Flaschenboden" und der unsinnigen Meinung „Es gibt (fast) kein Objektiv, das diesem oder jenem Sensor gerecht wird …“. Oder den Zustand der Vergütung der großen Frontlinse des eingesetzten Serie 1 Vivitars. Leute, geht doch einfach raus und fotografiert!

Frisches Bildmaterial zum 2,8/35-85 mm Vivitar Serie 1 im Laufe des Jahres

Ralf Jannke, Frühjahr 2019

 

 

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