Nikon F75 analog mit Nikkor 28-80 G und Fomapan 100 SW Film von Christian Zahn
In diesem Bericht geht es um die Benutzung von einem etwa 20-25 Jahre altem Kitzoom-Objektiv an der Nikon F75, der letzten von Nikon entwickelten analogen Kamera für Kleinbildfilm.
Set-Objektive mit Plastikbajonett werden in der Fotografenszene allzugerne als „Setscherbe“, „Gurke“, „Flaschenbodenobjektiv“ o. ä. tituliert, aber oftmals sind sie besser als ihr schlechter Ruf. Das liegt meist daran, daß sie in hohen Stückzahlen gebaut werden, so daß sich ein gewisser Aufwand bei der optischen Konstruktion für die Hersteller durchaus rechnet. Nachteilig sind jedoch meist die eher geringen Lichtstärken, die jedoch die optische Qualität durchaus verbessern, denn es ist schwierig und teuer, gute lichtstarke Zooms zu bauen, bei gleitender Lichtstärke von 3,3-5,6 ist der Aufwand geringer. Und weil das Objektiv eigentlich gar kein Zoom ist, sondern eines mit veränderlicher Brennweite, weil es nach jeder Änderung der Brennweite neu fokussiert werden muß, ist es nochmals einfacher zu konstruieren.
All das zusammen resultiert in geringen Herstellkosten, so daß diese Setzooms auch heute noch mit nur geringem Aufpreis zusammen mit neuen Kameras verkauft werden können. 18-55-Zooms gibt es für APS-C-Digitalkameras inzwischen in Massen und auch bei diesen gilt: sie sind oft besser, als ihr geringer Preis vermuten läßt.
Nikons Consumer-Setzoom 1:3,3-5,6 28-80 G erschien 2001 und wurde vom Hersteller inzwischen sogar in der „Nikkor - The Thousand and One Nights“ - Webserie über legendäre Nikon-Objektive als Nr. 83 gewürdigt. Dort schreibt der Konstrukteur über die technischen Innereien, den Konstruktionsprozeß und über die Funktion jeder der Linsen.
2001 löste das „G“ das ältere AF-D-28-80-Zoom ab, das noch einen Blendenring hat (G-Objektive haben keinen mehr, weil die Kamera die Blende immer selbst einstellt und es darum keine Notwendigkeit für das teure mechanische Bauteil mehr gibt). Entwickelt wurde es für die damals neue F65, zwar wurde es auch einzeln angeboten, aber wahrscheinlich haben es die allermeisten Kunden zusammen mit einer F65 oder F75 zusammen gekauft. Und weil es diese beiden Kameras in Schwarz und Silber gab, wurde das 28-80G auch in diesen beiden Farbtönen angeboten. Ich bin mir momentan nicht ganz sicher, wieviele Exemplare ich im Lauf der Jahre hatte und noch habe, aber ich erinnere mich deutlich daran, daß 2006 gleichzeitig meine F5 und F80 beim Nikonservice waren und ich mir mir eine damals im Abverkauf befindliche schwarze F75 zusammen mit dem 28-90G kaufte und um 150 Euro bezahlte.
Nachdem meine beiden Nikonbodys vom Service zurückkamen, habe ich das Objektiv und die F75 getrennt wieder verkauft und kaum Verlust dabei gemacht. Inzwischen bekam ich eine silberne F75 nebst dem Objektiv geschenkt, vielen Dank an den Spender! Und das Objektiv kam zuvor zusammen mit einer oder zwei F55 in beiden Farbvarianten in meinem Besitz, von denen ich einige weiterreichte, so daß ich aktuell laut meinen Unterlagen je ein schwarzes und ein silbernes Exemplar habe.
An der Nikon Z5 mit dem originalen FTZ-Adapter kann es in allen Belichtungsmodi genutzt werden, allerdings ohne Autofokus, da der FTZ-Adapter keinen eingebauten Motor hat und den AF-Antrieb im Objektiv voraussetzt. Dank Fokus-Peaking und der frei verschiebbaren Sucherlupe kann es relativ gut bei Offenblende fokussiert werden, da die automatische Springblende am FTZ funktioniert, aber der Fokusring hat leider einen sehr kurzen Einstellweg, so daß insbesondere im Telebereich das Fokussieren sehr „fummelig“ ist. Die Brennweite und die eingestellte Entfernung werden an die Kamera übertragen, so funktionieren Aufhellblitzen und der kamerainterne Bildstabilisator einwandfrei.
An der D100/D200/D300/D800, die alle einen AF-Motor eingebaut haben, ist das automatische Scharfstellen hingegen problemlos möglich.
Nikon F75
Die F75 erschien März 2003 und war Nikons letzte für Film entwickelte Spiegelreflexkamera. Aber es war bereits klar, daß „Digital“ die Zukunft sein würde und darum wurde das Kamerachassis gleich so konstruiert, daß es auch für digitale Spiegelreflexkameras problemlos nutzbar war, beispielsweise basiert die D50 auf der F75. zuvor wurden analoge Gehäuse mehr oder minder ummodifiziert für digitale Spiegelreflexkameras verwendet und erforderten darum teilweise erhebliche „Klimmzüge“, um die digitalen Komponenten unterzubringen, beispielsweise baute Fuji aus der F80 die S2/S3 Pro und denen sieht man den analogen Teilespender deutlich an.
Technisch ist die F75 eine abgespeckte F80 aus dem Jahr 2000, die ihrerseits eine deutlich vereinfachte F100 von 1999 ist, die wiederum teilweise auf der F5 von 1996 fußt. In die F75 baute Nikon viele Teile ein, die für die Vorgänger entwickelt worden waren und sparte somit erheblich Kosten ein, denn die Produktionsstraßen dafür gab es ja schon. Beispielsweise den Sucher mit Belichtungsmessung und der LCD-Folie zum Einblenden von Informationen in das Bild oder den Autofokussensor und den gesamten Spiegelkasten zusammen mit dem Verschluß.
Andere Dinge, die per Software möglich waren, gab es erstmals in einer Nikon-SLR, beispielsweise war vermutlich Canons Patent auf den „umgekehrten“ Filmtransport abgelaufen; die F75 spult den Film zunächst komplett aus der Patrone heraus und wickelt ihn auf die Kamera-interne Spule, die belichteten Fotos werden dann nach und nach in die lichtdichte Filmpatrone zurückgespult. Das hat zwei Vorteile: zum Einen weiß die Kamera genau, wieviele Bilder auf den Film passen (auch bei ungewöhnlichen Längen wie Agfas „24+3“-Farbnegativfilmen) und zum Zweiten wird beim versehentlichem Öffnen der Rückwand nur das zuletzt aufgenommene Bild zerstört, die anderen sind in der KB-Patrone sicher vor Fremdlicht. Bei der klassischen Methode „Film beim Knipsen allmählich aus der Patrone ziehen und zum Schluß zurückspulen“ wirkt sich der Lichteinfall beim versehentlichen Rückwandöffnen auf viele Bilder auf der Aufwickelspule der Kamera aus.
Zwar stimmt die Reihenfolge der Negative auf den Filmstreifen nicht, weil das erste Bild am Filmende und das letzte am Filmanfang aufgenommen wird, aber dem Hobbyknipser konnte das egal sein, das Großlabor regelte das schon. Wer heutzutage SW-Filme selbstentwickelt, muß die zerschnittenen Streifen eben anders in die Ablageblätter einsortieren, damit die ersten Fotos des Films oben im Ablageblatt liegen.
Die F75 ist für eine 300-Euro-Kamera recht gut ausgestattet, 5 AF-Felder, eine heller Sucher mit Dioptrienkorrektur, beleuchtetes Schulter-Statusdisplay, Moduswahlrad, Infrarotfernauslöser-Empfangsdiode, Abblendtaste, Programshift, Motivprogramme, AF-Motiv-Verfolgung, Winder (wenn auch nur mit 1,5 Bildern pro Sekunde), AF Hilfslicht, TTL-Blitzbelichtungsmessung, Matrixmessung oder Spotmessung, Bracketing, Fokussiermöglichkeit für Objektive mit und ohne internen Motor, und und und…
Mit Hilfe der Anleitung können die 12 Individualfunktionen eingestellt werden, ohne die Anleitung bleiben die Einstellungen und Optionen im Display leider sehr unverständlich, beispielsweise muß Funktion Nr.1 von 0 auf 1 umgestellt werden, damit die Kamera nicht dauernd herumpiepst, wenn sie scharfgestellt hat.
Die Stromversorgung erfolgt mit zwei Lithiumbatterien CR2, alternativ gab es einen unterschraubbaren Griff, in den vier Mignonzellen paßten, die natürlich länger durchhielten und erheblich preiswerter waren. Leider hat der Griff keinen Hochformatauslöser, das bleib der viel teureren F100 vorbehalten.
Daß die Kamera preiswert war, merkt man weniger am Funktionsumfang, sondern deutlich am Gehäuse, da ist äußerlich nicht viel Metall vorhanden, aber immerhin ist das Bajonett daraus gefertigt, während die Filmauflageführungen sowie Andruckplatte und die gesamte Rückwand leider auch nur aus Kunststoff sind. Die aufgespritzte „Gummierung“ an den Griffstellen neigt dazu, im Alter klebrig zu werden und die Halteklammern der Rückwand werden brüchig, so daß sie irgendwann brechen, die Rückwand läßt sich dann nicht mehr schließen, ein wirtschaftlicher Totalschaden ist die Folge.
Sind die Klammern noch in Ordnung, sollte die Rückwand mit einem Panzertape geschlossen gehalten werden, wenn ein Film eingelegt ist und die Rückwand nur vorsichtig geöffnet und geschlossen werden. Zwar sind die Klammern gegenüber den Vorgängermodellen etwas haltbarer konstruiert, aber der zugesetzte Weichmacher diffundiert im Lauf der Zeit aus dem Kunststoff, das läßt sich durch nichts verhindern. An diesem Problem sind mir in den letzten Jahren einige Kameras „eingegangen“, unter anderem die Canon EOS 33V, die Nikon F80 und leider auch die semiprofessionelle F100.
Ist die F75 noch funktionsfähig, belichtet sie kritische Diafilme perfekt, die 25-Zonen-Matrixmessung gehört zu den besten, die für Filmkameras entwickelt wurden. Auch der Autofokus „sitzt“ fast immer, und die Anwahl des aktiven AF-Feldes ist wesentlich einfacher als beim Mitbewerber Canon: das Steuerkreuz auf der Rückwand nach links, rechts, oben oder unten bewegen und das jeweilige Feld ist ausgewählt! Kein umständliches „Knopf Drücken und am Daumenrad Drehen“…
AF Zoom Nikkor 28-105 f3,3-5,6G
Das Objektiv erschien wie erwähnt 2001 parallel mit der F65 als Nachfolger des 3,5-4,5 AF-D 28-80. Es entstanden weitaus mehr als 1 Million Exemplare, also genug, um heutzutage jedem, der eines haben möchte, die Möglichkeit zum Gebrauchtkauf zu geben.
Das Objektiv ist 64 mm lang, hat einen Durchmesser von 66 mm und wiegt 190 Gramm. Beim Zoomen wird es ca. 10mm länger, beim Fokussieren verändert es die Länge um 8mm. Das gesamte Objektiv ist äußerlich größtenteils aus Kunststoff gefertigt, erkennbar metallisch sind nur die elektrischen Kontakte und der Blendenschließhebel. Das geringe Gesamtgewicht resultiert auch aus der Tatsache, daß nur 6 Linsen in 6 Gruppen verbaut sind. Weil aber mindestens eine asphärische Fläche vorhanden ist, ist die optische Leistung trotz (bzw. nach Aussage des Konstrukteurs wegen) der geringen Zahl an Elementen hoch.
Das Filtergewinde beträgt Nikonuntypisch 58mm, die Streulichtblende HB-20 mußte extra gekauft werden, sie rastet in ein Bajonett. Beim Fokussieren dreht sich das Gewinde und die Blende mit, beim Zoomen hingegen nicht, darum ist die originale Blende nicht blütenförmig, sondern nur ein runder Ring.
Der Fokusring aus Kunststoff ist sehr schmal und mit einer Riffelung versehen, er läuft sehr leicht. Mit ca. 45° Einstellweg ist der Fokus nicht feinfühlig einstellbar, die Naheinstellgrenze von 0,35 Metern ist gut. Eine Markierung für die Infrarotfotografie ist nicht vorhanden, ebensowenig wie eine Entfernungsskala.
Einen Blendenring hat das Nikkor nicht und 7 Blendenlamellen ergeben eine dem Kreis nur schlecht angenäherte Öffnung.
Das Objektiv liefert erwartungsgemäß auf dem recht niedrig empfindlichem SW-Film ab Blende 5,6-8 eine gute Schärfe, bei Offenblende verschwinden die Randunschärfen bei meinen 2000-Dpi-Scans größtenteils im Filmkorn. Bei Offenblende sind an digitalen Vollformatkameras vor allem die Bildränder stark unscharf, bei Arbeitsblende um 8 verschwindet die Unschärfe je nach Sensorauflösung mehr oder weniger. Chromatische Aberrationen treten nur gering auf.
Die Verzeichnung ist nicht besonders gut auskorrigiert, bei 28mm beträgt sie ca. 4,5%, was digital zwar zu beseitigen ist, aber bei Aufnahmen auf Film je nach Motiv mehr oder minder stört.
Beispielfotos
Alle Beispielaufnahmen entstanden freihand bei Programmautomatik auf Fomapan 100, entwickelt in Tetenal Ultrafin T-Plus, gescannt mit Nikon Coolscan V ED und bearbeitet mit Photoshop CS4. Die Größe wurde auf 1500 Pixel bikubisch verkleinert.
Fazit
Bis auf die Verzeichnung schlägt sich das Nikkor 28-80G gut, bei größeren Blendenöffnungen ist es dank asphärischer Elemente besser als sein Vorgänger.
Das gezeigte AF-G Nikkor gilt unter Kennern als ein sehr gutes Setobjektiv (manche sagen sogar, es sei das beste für Film entwickelte Objektiv dieser Klasse), natürlich sind die teureren Nikkore besser, aber bei Arbeitsblende 1:8 verschwinden die Unterschiede größtenteils, so daß als Vorteil das geringe Gewicht und die extrem niedrigen Anschaffungskosten überwiegen. Und weil es an heutigen spiegellosen Systemkameras nicht mit AF nutzbar ist, weil es keinen eingebauten Motor besitzt, wird sich am Gebrauchtpreis erst dann etwas ändern, wenn es einen Adapter mit eingebautem Motor von Nikon geben wird. Ob Nikon den jemals baut, bleibt äußerst fraglich und auch die Fremdanbieter sind bislang nicht besonders erpicht gewesen, so etwas zu produzieren. Der einzige mir bekannte Adapter ist aktuell ausverkauft, und er übersteigt mit ca. 350 Euro den Preis des hier vorgestellten Objektivs deutlich.
Also werde ich mein Nikkor 28-80G weiterhin vor allem mit Film nutzen.
Christian Zahn, Oktober/november 2026
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| Autor: | Christian Zahn |
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| Erstellt: | 26.10.2026 |










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