Nikon Z5 mit Agfa Color 3,5/200 von Christian Zahn
In diesem Erfahrungsbericht geht es um ein etwa 45 Jahre altes Manuellfokusobjektive adaptiert an die spiegellose 24-Megapixel-Systemkamera Nikon Z5.
Die Geschichte von Agfa zu erzählen, hieße Eulen nach Athen tragen, denn es gibt viele gute Bücher und Webseiten darüber. Darum hier nur sehr kurz angerissen:
1867 wurde die Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation als Hersteller von Farben in der Nähe von Berlin gegründet, seit ungefähr 1887 wurden photochemische Produkte hergestellt (Rodinal ist der älteste noch kommerziell hergestellte Filmentwickler), seit 1909 produzierte die Agfa in Wolfen Filme und in Leverkusen Fotopapiere, zunächst Schwarzweiß, seit Anfang der 1930er Jahre auch für Farbaufnahmen. Nach 1945 erfolgte die Aufspaltung in Agfa (West) und Orwo (Ost), 1964 fusionierten Agfa und Gevaert (Belgien), 1981 übernahm die Bayer AG Agfa-Gevaert komplett, 1999 erfolgte die Wiederabspaltung, 2004 wurde dann die Agfa-Photo aus der Agfa-Gevaert herausgelöst, diese Photosparte ging dann 2005 in Insolvenz.
Kameras produzierte Agfa in eigenen Werken bis 1981 in München und Portugal, dann war die Produktion unwirtschaftlich geworden und Agfa vertrieb nur noch Kameras und Objektive aus Fernost unter dem Markennamen AGFA.
Aus dieser Zeit stammt die Electronic 3, eine Spiegelreflexkamera mit Pentax-K-Bajonett, die von Chinon, Nagano, Japan bezogen wurde und eine Anpassung an das damalige Agfa-Kameradesign erhielt, die Kunststoff-Verkleidung der Deckkappe ist rundlicher und eleganter gestaltet, der Auslöser bekam den roten Agfa-Sensorpunkt, einen besonders sanft und erschütterungsfrei auslösenden Mechanismus mit einer roten Kunststoffmembran über dem eigentlichem Auslöser. Deshalb erhielt die Kamera einen neben dem Auslöser/Zeiteinstellrad ein zusätzliches Drahtauslösergewinde, das in der Chinon CE-4 im Metallauslöser mittig angebracht ist.
Objektive und Zubehörteile sind zwischen der CE-4 und der Selectronic 3 austauschbar, beispielsweise paßt der Chinon Motorwinder auch an die Agfa.
Neben der Selectronic 3 (Winderanschluß, Zeitautomatik bis 4 Sek. und manueller Modus, Selbstauslöser 5 und 10 Sekunden) gab es noch die Selectronic 2 (Zeitautomatik bis 1 Sek, Selbstauslöser 10 Sek) und die Selectronic 1 (manuelle Nachführmessung und Selbstauslöser 10 Sek).
Die Objektivbeschriftungsringe sind mit Agfa gelabelt, Objektiv-Front und -Rückdeckel hingegen bekamen kein AGFA-Logo in die Spritzgußformen und entsprechen 1:1 dem Chinon-Design.
Chinon wurde 1948 in Chino, Präfektur Nagano, Japan, gegründet und baute ab etwa 1965 herum preiswerte Kleinbild-Spiegelreflexkameras- und Objektive, die im Westen vor allem als OEM-Ware von Photo Porst oder Foto Quelle / Revue vertrieben wurden, der Markenname „Chinon“ wurde in der BRD erst bekannt, als Photo Porst Chinon-Kameras nicht mehr als Eigenmarke, sondern als „echte“ Chinon anbot.
Chinon baute lange Zeit selbst Objektive, kaufte aber auch von anderen Herstellern zu, beispielsweise von Tomioka ein legendäres 1,4/55mm - Objektiv oder von Chima Kogaku (Cimko bzw. Cimako) einige Wechselobjektive. Mit dem Aufkommen der Autofokus-Ära beendete Chinon seine Objektivherstellung und kaufte Wechselobjektive seitdem nur noch zu, vermutlich von Cosina. Für Kodak wurden frühe Digitalkameras entwickelt (DC-20, DC-50 usw.), Kodak übernahm 1997 eine Mehrheitsbeteiligung an Chinon und 2004 dann komplett, 2006 erfolgte der Verkauf an Flextronics.
Die Chinon-Objektive um 1980 sind an einer speziellen Riffelung der Gummierung von Blenden- und Fokussierung erkennbar, während damals allgemein eine „Waffelung“ mit Kreuzrauten oder ein „Quadratmuster“ mit senkrechten und waagrechten Trennlinien üblich war, sind die Chinon-Gummierungen dieser Zeit nur senkrecht geteilt. Auch die Chinon-Kameras dieser Zeit sind einem geübtem Auge erkennbar, die Rückspulkurbelform ist ein Merkmal, aber auch die Kunststoff-Schutzplatte im Blitzschuh aus braun-grau transparentem Kunststoff mit typischer Chinon-„Waffelung“, deren Muster sich auch oft im Batteriefachdeckel an der Kameraunterseite wiederfindet.
Agfa Color Multi Coated 1:3,5 f=200mm
Laut Seriennummer könnte das gezeigte mehrfachvergütete vergütete Exemplar im Jahr 1980 gebaut worden sein. Es ist eine Drittel-Blende lichtstärkere als die „normalen“ 1:4 - Objektive. Trotzdem wurde es damals recht oft gekauft, zumal es auch im Set angeboten wurde (Selectronic 3 mit 1,4/50, 3,5/200 und Zoom 35-105).
Der ausreichend breite und mit geriffeltem Gummi überzogene Entfernungsring läuft inzwischen aufgrund der Schmiermittelalterung ein wenig zu stramm, der Einstellweg ist mit etwa 170° ausreichend. Die Naheinstellgrenze ist mit 2 Metern zeittipsch. Die Blende rastet ganzstufig, es sind 6 Lamellen eingebaut. Die Streulichtblende ist ausziehbar und unverlierbar.
Das Objektiv hat einen Durchmesser von 72 mm, eine Baulänge ab Bajonett von 110 mm und wiegt 570 Gramm. Beim Nahfokussieren wird es ca. 25 mm länger.
Das gesamte Objektiv macht einen wertigen Eindruck, es ist vollständig aus Metall gefertigt und recht schwer. An der Entfernungs-Skala sind sowohl Tiefenschärfemarkierungen als auch ein Index für die Infrarotfotografie vorhanden.
Das Objektiv ist am Vollformat-Sensor der Z5 bei Offenblende erwartungsgemäß recht unscharf, Abblenden auf 5,6 bis 8 steigert die Schärfe, ab Blende 11 kommt es zu Beugungseffekten. Die chromatischen Aberrationen sind bei 1:3,5 deutlich sichtbar, bei 1:5,6 minimiert und ab 1:8 verschwunden.
Das Objektiv ist heutzutage teilweise nicht mehr günstig zu bekommen, je nach Zustand und Lieferumfang liegt es zwischen 20 und 60 Euro. Ich bekam es im Frühling 2026 von einem Besucher meiner Webseite zusammen mit einer defekten Selectronic 3, einem 2,8/28, 1,4/50 und einem reparaturbedürftigem 35-105-Zoom geschenkt, vielen Dank dafür!
Beispielaufnahmen
Alle Beispielaufnahmen entstanden freihand bei ASA-Automatik und Zeitautomatik, mit eingeschaltetem Bildstabilisator und bei Blende 8, gespeichert als RAW-Datenformat, gewandelt mit Nikon Capture NX und bearbeitet mit Photoshop CS6. Bildausschnitt, Helligkeit, Farben, Lichter / Schatten, chromatische Aberrationen sowie Schärfe wurden korrigiert, die Größe wurde auf 1500 Pixel bikubisch verkleinert. In alle Aufnahmen sind 100%-Ausschnitte vergrößert einmontiert.
Fazit
Das Agfa / Chinon Teleobjektiv ist bei Offenblende leider etwas weich, bei Arbeitsblende 8 hingegen beliefert es den 24-Megapixel-Sensor der Z5 durchaus. Ich werde es sicherlich öfter benutzen, auch wenn ich etliche andere Objektive dieser Brennweite im Fundus habe, beispielsweise das Zuiko 5/200, das Rokkor 3,5/200, das FD 4/200 und insbesondere das 3,4/200 Telyt.
Christian Zahn, April 2026
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| Autor: | Christian Zahn |
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| Erstellt: | 18.04.2026 |










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