AGFA StudioCam

Bereits kurz am Ende des Beitrags „AGFA Digitalkameras, ein nachdenklich stimmendes Kapitel“ gewürdigt, wurde jetzt eine hochinteressante AGFA StudioCam in die Digitalkamerasammlung aufgenommen. Komplett mit Software, Kabeln und so weiter.

AGFA StudioCam, SCSI und Windows...

SCSI? Small Computer System Interface

Im Internet ist gelegentlich zu lesen, dass die AGFA StudioCam ausschließlich mit Apple Macintosh-Software ausgeliefert wurde. Ob das tatsächlich der Fall war/ist, kann ich nicht beurteilen. Mein Exemplar kam jedenfalls nur mit Software für die damaligen Apple Macintosh Rechner. In der Bedienungsanleitung zur StudioCam wird aber ausdrücklich erwähnt und gezeigt, welche Voraussetzung ein Windows-PC mitbringen muss, wie die StudioCam an einen mit nachzurüstender SCSI-Karte Windows-PC angeschlossen wird. Auch ist die Rede von einem Windows TWAIN-Treiber, dem Pendant des Photoshop Plugins für den Mac.

Wie dem auch sei. Auf der Seite Nikonweb.com wird das Arbeiten mit SCSI und Windows gern und wohl zu recht als „Albtraum“ beschrieben. Dem kann man ganz einfach Abhilfe schaffen. Da wird unter Umständen für höhere vierstellige Dollar-/Euro-Beträge die erste in Serie gefertigte DSLR der Welt, die Kodak DCS100 erworben, um dann hilflos an seinem Windoof-PC mit (falscher) SCSI-Karte und fehlenden Treibern rumzudoktern. Anstatt der DCS100 noch einen alten Mac zu spendieren. Ohne den hätte ich die Kodak DCS200ci überhaupt nicht und die Minolta RD-175 nur schwer ans Laufen bekommen. Mit Hilfe des alten Powermac G3 erwachte auch die der AGFA StudioCam vergleichbare Leaf Lumina Scannerkamera sofort zum Leben.

Und so war es auch mit der StudioCam

AGFA Mac-Software installieren, Mac ausschalten, StudioCam und Mac mit dem SCSI-Kabel verbinden, StudioCam einschalten und Mac starten. Nach kurzer Suche „fand“ sich das AGFA Photoshop Plugin schließlich in meinem französischen Photoshop 6.0.

Die technischen Daten können im (stark eingekürzten) Repro der AGFA StudioCam Bedienungsanleitung nachgelesen oder im englischsprachigen AGFA Prospekt zur StudioCam und ActionCam studiert werden.

Die AGFA StudioCam

Die Scanfläche ist mit 29 x 36 mm etwas größer als das 24 x 36 mm Kleinbildformat. Mit 4.500 x 3.648 Pixel = 16,4 Megapixel bei wahlweise bis 48 bit Farbtiefe war das 1995 eine „Ansage“!

Wie die hier schon vorgestellte Leaf Lumina ist auch die AGFA StudioCam mit einem Nikon F-Bajonett ausgestattet, das entsprechende Objektive aufnimmt. Wie es schon die Kamerabezeichnung – Studio Kamera – verrät, können allerdings nur per Kabel mit dem Rechner verbunden unbewegte Motive im Studio abgelichtet werden. Die Kamera besitzt einen Landscape- (Querformat-) und Portrait- (Hochformat-) Modus. Die Platine, die Objektiv und Scanmechanik enthält, wird einfach nur ins gewünschte Format gedreht.

Diese Objektiv-Platine ist auch komplett demontierbar, um ein als "View Camera Lens" bezeichnetes Objektiv einzusetzen, was die StudioCam um die Fähigkeiten einer so genannten Fachkamera erweitert. Dieses Objektiv kann verschoben ("Shift") und gekippt (Tilt") werden, um stürzende Linien und Perspektiven zu korrigieren und die Schärfe ohne Abblenden zu erweitern oder ganz gezielt auf gewünschte Motivbereiche zu legen – das Scheimpflug-Prinzip.

Ausgeliefert wurde die AGFA StudioCam mit einem simplen 4-5,6/35-80 mm AF Nikkor. Mein Exemplar kam gar mit einem SIGMA DL ZOOM 4-5,6/35-80 mm. Keine standesgemäßen Objektive! Wer mit der StudioCam ernsthaft arbeiten musste, nahm sicher ein 55/105 mm Mikro Nikkor oder auch ein gewöhnliches 50er oder das 1,8/85. Wobei ich nur die Wahl zwischen dem 1,8/50 mm MF Nikkor oder meinem schwer gebrauchten 1,8/85 mm habe. Die oben erwähnte "View Camera Lens" dürfte eine noch größere Rarität sein, als die AGFA StudioCam.

Einen Vorteil weist die AGFA StudioCam außer der höheren Auflösung gegenüber der Leaf Lumina auf. Um auf der Leaf Lumina das Objektiv abzublenden, muss das Bajonett enriegelt und das Objektiv leicht gedreht werden. Funktioniert, aber es besteht die Gefahr, dass das Objektiv herausfällt und dann auf den Boden knallt. Keine schöne Vorstellung! Bei der AGFA StudioCam blendet das verriegelte Objektiv auf die gewählte Blende ab.  

Es werde Licht

Scankameras wie die Leaf Lumina oder AGFA StudioCam benötigen absolut konstantes Licht. Fluoreszensleuchten (Neon) gibt es zwar mit Tageslichtcharakter (5500 K Lichttemperatur). Wenn diese Leuchten aber ohne Zusatzgerät mit „gewöhnlichem“ Strom aus der Steckdose betrieben werden, werden sie durch die Frequenz von 50 Hz des 220 Volt Wechselstroms 50 mal pro Sekunde ein und ausgeschaltet. Das Auge bemerkt davon nichts, beim zeilenweise Auslesen des Motivs können einzelne Scanzeilen aber in die so genannte Dunkelphase geraten, wodurch im Bild ein feines Streifenmuster entstehen kann. Ohne Zusatzgeräte geht hier also nichts. Abgesehen davon sind Fluoreszensleuchten Flächenleuchten und für eine gezielte Ausleuchtung weniger geeignet.

Die Lösung lautet HMI-Licht

HMI steht für H: Abkürzung für Quecksilber (chemisches Zeichen Hg), M: Abkürzung für Metalle, I: Abkürzung für Halogenverbindungen (zum Beispiel (engl.) Iodide) oder kurz: Halogen-Metalldampflampen.

Diese HMI-Leuchten sind speziell für den Foto-, Film- und Videobereich entwickelt worden und können mit entsprechenden Reflektoren sowohl als Flächen- wie auch als Punktlichtquelle dienen. Sie haben einen sehr hohen Wirkungsgrad, d.h., sie setzen einen sehr großen Teil der benötigten elektrischen Energie in Licht um. Nachteil: Hohe Kosten!

Alles zum Thema HMI beschreibt Wikipedia

Tageslicht

macht den meisten Kameras zwar keine Probleme, jedoch ist es selten über einen längeren Zeitraum konstant. Es ändert seine spektrale Zusammensetzung über den Tag oder wenn eine Wolke vor die Sonne zieht.

Klar, dass für die wenigen Testbildchen mit der AGFA StudioCam Tageslicht herhalten muss, das durch ein entsprechendes Dachfenster aufs Motiv fällt. Wenn nicht gerade Wolken ziehen, wird es auch mal 15 Minuten konstant sein. Denn solange benötigt die StudioCam, um ein Bild mit voller 16 MP Auflösung und 48 bit Farbtiefe zu belichten.

Bedienoberfläche und Einstellmöglichkeiten der AGFA StudioCam

Da bleibt keine Einstellmöglichkeit offen! Bitte auf den Screenshot klicken/tippen

Rechnerumgebung

Power Macintosh G3, Power PC G3 Processor, 233 MHz

Arbeitsspeicher 384 MB RAM

Festplatte 10 GB SCSI

Betriebssystem Mac OS 9

Grafikkarte nachträglich eingebaut, Flachbildschirm, 1024x768 Punkte, 16,7 Mio Farben

Beispielfotos, aufgenommen mit der StudioCam

Bitte auf die Fotos klicken/tippen

Und jetzt treiben wir es bunt ;-)

Bitte aufs Foto klicken/tippen

Respekt und Hochachtung

Freundliche Belichtungswarnung der AGFA-Software und Dokumentationsmöglichkeiten

Nach einem Vormittag mit der StudioCam ist meine Hochachtung für die Profis, Studios, die mit dieser Kamera arbeiten mussten, von Stunde zu Stunde gestiegen. Wieviel Erfahrung war zumindest am Start notwendig, welche Investitionen mussten neben der Kamera in das oben beschriebene HMI-Licht getätigt werden? Bei voller Auflösung 16 MP und dann in 48 bit Farbtiefe müssen pro Foto rund 15 Minuten veranschlagt werden. Da mussten nicht nur seinerzeit Motivaufbau und Ausleuchtung sitzen! Ein Zeitgewinn bringt die Reduzierung der Auflösung und Aufnehmen in SW. Aber im Hinterkopf, dass ein einmal perfekt aufgenommenes Motiv vielleicht später noch mal in höherer Auflösung und in Farbe benötigt wird, ließ den Anwender, die Anwenderin wohl öfter als nötig zur vollen Auflösung und den dazugehörigen „Belichtungs“- = Scanzeiten greifen.

Nichts desto trotz hat es riesigen Spaß gemacht mit diesem „Digi-Saurier“ Baujahr 1995 wirklich arbeiten zu müssen! Trotz des gleichmäßig grauen Tageslichts ist besonders am streifigen Hintergrund unschwer zu erkennen, warum AGFA in der Bedienungsanleitung zur StudioCam von Tageslicht abrät und HMI-Licht fast vorschreibt. Das ist aber kein Grund, hier nicht ein paar Beispielfotos, aufgenommen mit der StudioCam zu zeigen.

Wie man am einmontierten Ausgangsbildchen erkennt, sind die drei Beispielaufnahmen massiv nachbearbeitet. Die zweiäugige Aires aus der Mitte der 1950er Jahre wurde übrigens ausgewählt, weil sie mit Nikon "Doppelaugen" – View-NIKKOR 1:3,2 f=7,5 cm (Sucherobjektiv), Nikkor-Q 1:3,5 f=7,5 cm (Aufnahmeobjektiv) – bestückt ist.

Alle Fotos wurden mit meinem „Arbeitspferd“ aus der Basketballhalle aufgenommen, einem braven 2,8/35-70 mm AF Zoom, das aus der Produktionszeit Oktober 1987 bis September 1992 stammen muss. Es hat sich für meine Zwecke neben dem 2,8/70-200 AF Nikkor als völlig ausreichend erwiesen. Nichts gegen ein modernes 2,8/24/28-70 Reportage-Zoom, aber mehr Objektiv (35-70) für 150 Euro geht kaum. Für die Aufnahmen wurde auf bis zu f/11 abgeblendet. Das 2,8/35-70 mm wurde auch genommen, weil das 1,8/85 auf der F2 steckte und eine zu große Minimaldistanz hat.

Ich hatte es ja oben schon geschrieben: Mein Gott, war das eine Plackerei der AGFA StudioCam die drei Bildchen abzuringen. Fast einen ganzen Vormittag habe ich damit zugebracht, die wuchtige AGFA auf dem bleischwereren Manfrotto, das jahrelang im Keller stand, einigermaßen auszurichten, um die alten Nikons, die zweiäugige Aires (TLR) und eine Handvoll bunte Digiknipsen abzulichten. Das jeweilige Motiv konnte zwar per Sucher, dafür aber nur auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt ausgerichtet werden. Kein wirkliches Vergnügen.

Bildgröße

Seriöse Bildbearbeitung geht so - NICHT!

Um die Streifigkeit massiv zu reduzieren, musste das Rohmaterial schon regelrecht malträtiert werden. Für perfekte Ergebnisse müssten drei Dinge verbessert werden: Licht, Licht und Licht... Die drei Beispielbilder geben aber sicher einen Eindruck, was mit reichlich HMI-Licht von allen (!) Seiten und perfekter Beleuchtung unter Beachtung der Spitzlichter mit den 16 MP der AGFA StudioCam schon 1995 möglich war: Eine Doppel(werbe)seite im Hochglanzmagazin mit höchster 300 ppi Druckqualität in Farbe. Je nach Abbildungsgröße/Abstand wäre für mich beim Studioeinsatz der StudioCam nur ein 55 und 105 mm Mikro (Makro) Nikkor, das höchste optische Qualität liefert, in Frage gekommen...

Ralf Jannke, Juni 2017

PS.: "Satte" 250 Euro habe ich mich das "Vergnügen" kosten lassen, AGFAs erste Kamera in der Sammlung zu haben. Und das auch nur, weil die AGFA StudioCam komplett mit der Software kam und Rückgabemöglichkeit vereinbart wurde. Aber 250 und mehr Euro für eine derartige Kamera? Und dann mit dem Prädikat: "Ungetestet – Rücknahme ausgeschlossen" versehen. Dann sind selbst 50 Euro zu viel!

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