AKAI/BAUER: Filmlose Bildspeicherung der 1970er Jahre

Angefangen hat es mit einem Bericht in der „POPULÄR FOTOGRAFI“, in der schwedischen Mai 1971-Ausgabe der amerikanischen „POPULAR PHOTOGRAPHY“. Dort wurde unter dem Titel: "HÄR ÄR 70-TALETS KAMERA" – „Hier ist die Kamera der (19)70er Jahre“ das erste tragbare Videosystem der Welt vorgestellt, bestehend aus der Videokamera Akai VC-100, dem Videorekorder VT-100, dem Monitor VM-100, dem RF-Konverter und dem benötigten Netzteil/Ladegerät. Wirklich tragbar, wenn man gegen die gewaltigen Videorecorder-Koffer und -Tornister vergleicht, die es schon vorher gab. "Tragbar" war bei diesen Monstern die falsche Bezeichnung, Schleppen die realistische! Und weiter:

Ist das die Filmkamera der Zukunft?

Mit Ton direkt auf dem Band. Ohne Entwicklung. Mit der Möglichkeit, bereits beim Filmen kontrollieren zu können wie es wird. Mit der Möglichkeit Szenen zu überspielen, die nicht gut geworden sind. Wir haben das AKAI Videosystem ausprobiert... Unter den Vorteilen fand die Aufnahmelänge von ca. 23 Minuten besondere Erwähnung. Ein gewöhnlicher Super8-Film in der Kassette reicht keine vier Minuten. Die Kamera hat eine Empfindlichkeit von ca. ISO 400.

POPULÄR FOTOGRAFI befragte auch Reporter, was sie von der neuen Technik hielten.

Jan Olsheden: „Wie sollte der herkömmliche Super8-Film im Wettbewerb gegen dieses System überleben? Statt die Filme ins Labor zu schicken, können die Ergebnisse sofort auf dem Monitor oder auf dem eigenen TV-Bildschirm angeschaut werden. Wenn Sie den Ton direkt auf den "Film" bekommen? Wenn Sie die misslungene Sachen, die Sie nicht wollen, einfach überspielen und den "Film" wiederverwenden können?“

Werner Noll: „Die VT-100 richtet sich an semi-professionelle Kunden aus Industrie, Wirtschaft, Bildung und Sport. Das System ist eine sehr preiswerte Alternative zu den vielen Aufgaben, die bisher nur mit Hilfe von herkömmlichen Schwarzweißfilm dokumentiert werden konnten.“

Yngve Neglin: „Ich persönlich denke, dass Sie viel für das Geld einer derartigen Anlage bekommen. Mit dem üblichen  Tonband ist dieses Aufnahme-Programm kostengünstig. Das wird die Schmalfilmer nicht unberührt lassen.“

Es scheint den Profis bereits gedämmert zu haben, dass die filmlose Aufzeichnung von (bewegten) Bildern "irgendwann" mal die chemiebasierten Systeme ablösen könne. 10 Jahre später wurde der Super8 Schmalfilm von der Videotechnik abgelöst.

BAUER Videosystem 1004

Durch den Beitrag in der "Populär Fotografi" war mein Interesse geweckt, und durch Zufall "stolperte" ich Monate später auf einem Flohmarkt über ein absolut vergleichbares und komplettes Video-Set mit Kamera, Recorder und Netzteil. Der Bauer-Recorder ist dem von AKAI nicht unähnlich. Was auch kein Wunder ist, es dürfte sich dabei um einen im Auftrag von der deutschen Firma Bauer von - AKAI - gebauten Recorder handeln, der auf das deutsche PAL-Fernsehsystem mit seinen 50 Hz abgestimmt sein musste. Erst hinterher habe ich festgestellt, dass ich für 15 Euro mit dem VTR 1004 den kleinsten, so genannten „Open-Reel“ (für offene Rollen, besser Bandspulen) Video-Recorder für 9 cm Spulen der Welt ergattert hatte, die eine Aufnahmedauer von ca. 23 Minuten gestatten.

Im Vergleich zu den hier und hier gezeigten Videoaufnahme-Monster-Einheiten kann man beim VTR 1004 tatsächlich noch von „tragbar“ sprechen. Zu meiner Freude war das Set bis auf sie 40 Jahre alten Blei-Akkus vollkommen intakt!

Und was haben analog aufzeichnende Videokameras in einem Museum für digitale Kameras zu suchen? Digitale Kameras arbeiten filmlos. Wie diese Videokameras...

Boris Jakubaschk hat unter "Kamerageschichte 2: Videotechnik, Still-Videos als Wegbereiter der Digitalkameras" ausführlich darüber berichtet!

Mit der Akai, Bauer und zahlreichen anderen Videokameras gab es den Vorläufer der Mitte der 1980er Jahre entwickelten Stillvideo-Technik. Es war/ist möglich je nach Modell am Videorecorder durch manuelles Drehen der Spulen für Studien Einzelbild für Einzelbild das gewünschte Standbild auswählen zu können. Offensichtlich war man aber Mitte der 1970er Jahre noch nicht so weit, diese Bilder außer zum Anschauen auf dem Monitor für etwas anderes zu verwenden. Erst 1987 wurde ein Patent für einen Videoprinter eingereicht.

Im Beitrag "Die noch "erstere" Bildbearbeitung der Welt – Ein weiterer (Recherche-)Versuch", besser "EBV vor 1987" wurde weiter hinten im Text auf das 1991 erschienene Buch "BASIC DIGITAL PHOTOGRAPHY" von Norman Breslow hingewiesen. Dort ist zu lesen (gekürzt):

„Eine Videokamera ist für den Fotografen der einfachste Weg, ein Bild in einen Computer zu bekommen. Leider hat dieses Verfahren zwei Hauptprobleme. Die (Video-) Bilder sind nicht scharf und detailreich genug. Erschwingliche Videokameras lösen nur etwa 230 Linien/250.000 Bildpunkte auf und benötigen eine extrem kontrastarme Beleuchtung, um in Lichtern und Schatten kein Details zu verlieren. (...)" Und um seine solche Kamera handelt es sich bei der BAUER VC 1004, die nur 200 Linien auflöst. Nur Industrie-Videokameras lösen 380 bis 600 Linien oder 600.000 Bildpunkte auf. Und doch war die Videokamera viele Jahre lang die einzige Möglichkeit nach deren Einsatz nicht nur vor Ort Bilder sofort kontrollieren zu können, sondern bei Vorhandensein einer entsprechenden Grafikkarte, die per Framegrabber einzelne Frames = Einzelbilder aus dem Video extrahieren kann, innerhalb Minuten Bilder zur Verfügung zu haben!

In der rund 40 Jahre alten Videokamera gefundene Aufnahmen und deren "Digitalisierung"

Wenn in einer Digitalkamera noch eine Speicherkarte steckt, schaue ich immer drauf. Nicht selten haben der/die VorbesitzerIn vergessen die Bilder zu löschen. Bisweilen gibt es da peinliche Erlebnisse vom FKK-Strand, dass es bei mir sofort eine Tiefenlöschung (Überschrieben mit Nullen) gibt. Aber wenn es interessant und unverfänglich ist...

So wie hier

Auf dem Videoband des Bauer Videosystems 1004 waren Aufnahmen vom Training einer asiatischen Kampfsportart, vielleicht Taekwondo? Mangels Digitalisierungsmöglichkeit wurde kurzerhand der winzige Monitor unbekannter Auflösung der BAUER VC-1004 abfotografiert.

Was natürlich eine sehr primitive Vorgehensweise ist. Wirklich? Um Bilder eines Oszilloskop-Monitors festzuhalten, Einstellungen zu dokumentieren, baute die amerikanische Firma Tektronix spezielle Kameras, die ein Polaroidfilmrückteil enthielten. So sah das Ganze aus: Humboldt Universität zu Berlin oder das Computermuseum, Informatik der Uni Stuttgart.

Mit einem vergleichbaren Verfahren hätte auch der Bauer Videokamera-Monitor oder gleich der eines größeren Fernseh-Monitors per Polaroid abfotografiert werden können, und man hätte in Minutenstelle eine beispielsweise für eine Tageszeitung brauchbare Vorlage gehabt. Immerhin eine denkbare Vorgehensweise!

Die kleinen Bilder kommen der Realität von 200 Linien – mit dieser Auflösung wird die Bauer in der Bedienungsanleitung angegeben – wohl am nächsten. Wenn man bedenkt, dass das PAL-TV-System 720 x 576 (Linien) auflöst, und wir heute bei 1.980 x 1.080p Full HD = 2K als Standard sind. Und 4K schon in den Startlöchern stehen, und bereits 6 und 8 K Auflösung erreicht sind. Dennoch wollte ich die historische Videoaufnahme keinesfalls vergessen. Eine gute Hilfe beim Aussuchen der beiden Szenen ist die Standbildfunktion des Recorders, wo das Band angehalten und die Bandspulen vorsichtig manuell gedreht werden können, um das gewünschte, schärfste (!?) Einzelbild zu erwischen. Sofern man da von Schärfe sprechen kann.

Frisch Oktober 2016 mit der Videokamera "fotografiert"

Mit etwas Phantasie und gutem Willen kann man sich vorstellen, dass das System bei Neuzustand ein Bild mit weniger Störungen, sprich deutlich besserer Qualität erzeugt haben dürfte, als das, was mit der schnell aus dem Dachfenster gehaltenen Bauer im Oktober 2016 herauskam. Besonders, wenn man sich die einmontierten Bildchen anschaut, die von der Auflösung in etwa dem Original entsprechen. Das dürfte als Vorlage für den grob gedruckten Einspalter einer Tageszeitung (Fotobreite 5,5 cm) gereicht haben, wenn es um Aktualität ging und eben nur ein Videobild vom Motiv zur Verfügung stand.

Und da ich ich das Bauer Videosystem 1004 doch schon mal gestartet hatte, wurde auch probiert, ob denn die Kamera auch noch funktioniert. Tut sie! Eine kurze Aufnahme war schnell "im Kasten". Ganz sicher werde ich die Bauer Videokamera mal mitnehmen. Zuvor muss aber bezahlbarer Ersatz für die toten Blei-Akkus gefunden werden.

Was das Digitalisieren angeht, war die größte Hürde der nur als Antennensignal vorhandene Ausgang des Bauer Videosystems 1004. Mit dem Antennensignal konnten unsere zwei Flachbild-TV-Geräte mit eingebautem DBVT-Empfänger auch nach ausgiebigem Blättern im Geräte-Menü nichts anfangen. Theoretisch müsste es irgendwo die Möglichkeit geben, das Signal von digital auf analog umzuschalten. Zu viel Aufwand für eine 40 Jahre alte Video-Anlage. Nach meinem Verständnis muss das Antennensignal demoduliert und in ein "normales" Videosignal umgewandelt werden. Mit dem könnte dann auch über einen über die USB-Schnittstelle anzuschließenden Framegrabber digitalisiert werden. Soweit die Theorie. Hilfe kam vom Medien-Museum (Köln), wo unter VIDEO nicht nur die AKAI-Videokamera/Recorder-Einheit vorgestellt, sondern auch das Bauer Videosystem 1004 gewürdigt wird. Auf Anraten und mit Hilfe des sachkundigen Betreibers Michael Sierp genügt es im Fall der Bauer für wenig Geld (keine 5 Euro) selbst ein passendes Kabel herzustellen, um die Bauer mit dem Video-Grabber oder einem Fernseher zu verbinden. Was auf Anhieb funktionierte – fast.

Möglicherweise ist der an die USB-Schnittstelle angeschlossenen Video-Grabber von schlechter Qualität oder zu empfindlich. Jedenfalls brach das Videosignal vom Bauer Videosystem 1004 immer wieder zusammen, so dass es nicht möglich war ein Standbild zu "grabben". Das selbst gelötete Kabel in den Flachbild-TV gestöpselt, gibt dagegen ein besseres Bild. Wie stark der von 16:9 1280 x 720 Bildpunkte auf 4:3 960 x 720 Pixel Bildfeld verkleinerte HD-Fernseher da interpoliert, mag dahingestellt sein. Vom Monitor wurden dann einfach ein paar frisch mit der Bauer "fotografierten" (gedrehten) Szenen aus dem Dachfenster abfotografiert. Um Batterien/Akkus für einen autarken Betrieb und eine vielleicht bessere Justage des uralten Videosets, was die Qualität steigern sollte, kümmere ich mich später... Was dann möglicherweise noch ein kleines Update gibt.

Die Auflösung...

... beim deutschen Fernsehen liegt bei 624 Zeilen was in 4:3 768 x 576 Pixel entspricht. Tatsächlich sind es 720 x 576 Pixel. Die 200 Zeilen des Bauer Videosystems 1004 entsprechen dann 216 Pixels. Bei einem Seitenverhältnis von 4:3 ergeben sich dann 216 x 4/3 = 288 Pixels. Die Bauer hat dann umgerechnet eine Auflösung von 288 x 216 = 62.208 Pixels oder 0,06 Megapixel...

Datenhaltbarkeit

Vollkommen unbeachtet blieb bis jetzt das Alter der Aufnahmen auf dem Videoband. An (über) 100 Jahre alte SW-Fotos kommt das noch nicht ran, aber 40 Jahre Haltbarkeit sind schon mal eine Ansage. Meine erste, sicher professionell von Kodak gebrannte CD ist jetzt 20 Jahre alt und erfreut sich noch guter Gesundheit! Darauf sind meine Dias vom von Christo verhüllten Reichstag in Berlin... Etwas älteres habe ich noch nicht. Was aber selbstgebrannte, schlecht gelagerte CDs/DVDs angeht, können die unter Umständen schon nach 5 Jahren nicht mehr lesbar sein. Aber das 40Jahre alte Videoband – beeindruckend. 

Ralf Jannke, Oktober 2016

 

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