Bilddatenübertragung 1938

Diesmal keine alte Digitalkamera, sondern: „Ein Foto mit Hilfe einer tragbaren Einheit – siehe Foto – über eine Telefonleitung übermitteln...“ 1938! Gefunden in einer Popular Photography-Ausgabe, ersteigert aus "tradera", dem schwedischen eBay-Ableger.

Und? Was ist daran so besonders? Das Datum des Beitrags in der Januar-Ausgabe der amerikanischen „Popular Photograpy“: 1938!

Was war passiert? Eine Gusta H. aus dem winzigen Nest „Lone Rock“ irgendwo in den USA hatte von einem unbekannten Spender über die Post ein Paket mit einem einen Kuchen geschenkt bekommen. Angesichts der Größe des Kuchens lud sie Verwandtschaft und Nachbarn ein. Mit dem Ergebnis, dass nach Verzehr des Kuchens alle im Krankenhaus landeten. Der Kuchen war mit Arsen vergiftet.

Über den Fall sollte nicht nur geschrieben, sondern auch ein Foto in der nächsten Morgenausgabe zahlreicher amerikanischer Zeitungen gedruckt werden. Auf normalem Weg: Foto aufnehmen, Film entwickeln und vergrößern, Vergrößerung entwickeln, trocknen usw. und dann per Post schicken, war das natürlich nicht möglich.

Also wählte Robert Boyd vom „Milwaukee Journal“ die Übertragung des Fotos mithilfe von (Analog?)Scanner – ja 1938 – und Telefon. Um 10.00 Uhr machte sich der Fotograf auf die 140 Meilen weite Reise über zum Ende hin vereisten Straßen, um gegen 14.00 Uhr in Lone Rock einzutreffen.

Vor Ort erwarteten ihn mehrere Probleme. Es gab (zum Entwickeln) des Planfilms nur ein Badezimmer im Ort, und das hatte Fenster, die nicht verdunkelt werden konnten. Mit einem Eimer Wasser verschwand Robert Boyd schließlich in einem Keller, um zwischen Kartoffeln, Obstkonserven und kaputten Stühlen zwei 4x5 Inch Negative zu entwickeln. Er hatte einen Vergrößerer dabei, entschied sich aber für eine Kontaktkopie. Bei einem 4x5 Inch (Zoll) = 10x12,7 cm Planfilm-Negativ kein Problem. Dieser Kontaktabzug musste sehr weich sein, da die Übermittlung über Scanner und Telefon den Kontrast erhöht. Der Abzug wurde nur kurz fixiert und gewässert.

Anschließend ging es ins Hotel zum einzigen altertümlichen Telefon, wo für die Verbindung erst die richtigen Kontakte herausgefunden werden mussten. Während der Abzug trocknete, mussten die Röhren im Verstärkerteil des anno 1938 Trommelscanners und die Photomultiplier-Röhre warm werden. Über diese lichtempfindliche Röhre wird das auf einer drehende Trommel aufgespannte Foto während der Rotation und gleichzeitigem Vortrieb der Photomuliplier-Röhre nach etlichen Umdrehungen komplett abgetastet und in Hell-/Dunkel-Signale zerlegt, die kontinuierlich via Telefon übertragen werden.

Auf der Empfangsseite muss eine entsprechende Apparatur stehen, die aus den Hell-/Dunkelsignalen aus dem Telefon synchron eine entsprechend gerasterte Vorlage erzeugt, von der schließlich das Foto in die Zeitung geduckt wird. Die Rastertechnik, um ein in Punkte zerlegtes Foto überhaupt drucken zu können gab es schon Jahrzehnte vorher: 1880 veröffentlicht die New Yorker „Daily Graphic“ das erste gerasterte Foto mit 9 Graustufen1920 werden Bilddaten über ein transatlantisches Kabel von London nach New York übertragen. Für ein Bild bescheidener Auflösung werden 3 Stunden benötigt...

Im „Handbuch der Printmedien“ von Helmut Kipphan auf Seite 377 unter „Elektromechanische Gravur“ wird genau beschrieben, wie aus dem elektrisch/elektronisch abgetasteten Foto mechanisch durch Gravur eine für den Zeitungsdruck gerasterte Vorlage produziert wird. Auch Wikipedia beschreibt die Arbeitsweise des so genannten Helio-Klischographs, der aber erst 1961 vorgestellt wurde. Prinzipiell muss es bei der 1938 Fotoübertragung per Telefon auf der Empfangsseite in der Zeitungsredaktion eine vergleichbare Apparatur gegeben haben, die die Druckplatte erzeugte! Folgerichtig berichtet Robert Boyd auch von einem „Engraver“, deutsch „Graveur“, der wohl für die Druckplattenerstellung zuständig war.

Vor Beginn der Bildübertragung aus Lone Rock wurde dem in der Telefon-Vermittlung arbeitenden Menschen eingebläut, dass die Telefonverbindung auf keinen Fall getrennt werden dürfe! 16.15 Uhr startete Boyd die Übertragung des 4x5 Inch Kontakabzugs an 26 weitere  Zeitungsredaktionen. Die erfolgreiche Bildübermittlung dauerte 1938 8 Minuten. Am nächsten Morgen war das Foto in den Tageszeitungen. Faszinierende Technik vor jetzt 78 Jahren!

Ralf Jannke, Januar 2016

PS.: Während der Erstellung dieses Blogbeitrags fand sich über Jarle Aaslands nikonweb.com noch eine tolle Quelle! Bereits in der 1937 September-Ausgabe der amerikanischen "POPULAR MECHANICS" veröffentlicht, fand sich unter der Überschrift "Wire that Picture" – "Sende dieses Bild über den Draht (einer Telefonleitung)" ein Beitrag zur Bildübertragung anno 1937. Ein Klick auf diesen Absatz führt direkt zum Artikel, der auch die historischen Techniken beschreibt.

PS2.: Aber selbst das ist noch nicht der Beginn der Fotoübertragung mit Hilfe des Telefons. Bereits 1935 gab es erste Bildübertragungen per Telefonleitung! Im Januar 2015 überhaupt nicht registriert, das vergessene 80. Jubiläum: „Celebrating 80 Years of Associated Press’ Wirephoto“ etwa: „Wir feiern 80 Jahre Associated Press’ Fotoübertragung über (Telefon-)Draht“. Mit einem digitalisierten Demonstrationsfilm der jetzt über 80 Jahre alten Technik!

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