China NoName Bridge – Vorlage für viele!

Was ist das?

Eine Digitalkamera? ;-) Jetzt im Ernst. Der erste Gedanke war das ist doch ein Derivat der von Boris Jakubaschk schon hier vorgestellten Protax DC500T, eine völlig überteuerte Blender-, ganz üble „Kaffeefahrten-Mogel- nein Betrugskamera.

Nein, so schlimm ist es nicht! Das was da oben steht, ist nicht hochwertig, aber eine OEM-/ODM-Dutzenware, eine Kamera, die für einen unbekannten Auftraggeber gefertigt wurde. Anschließend wurde vergessen, den gewünschten Herstellernamen aufzudrucken. So als ob die vorgestellte Kamera „vom Band gefallen“ wäre ;-)

Und weil der Herstellername "vergessen" wurde, habe ich das mit Photoshop nachgeholt ;-)

Eine Suche im Internet nach dem exakten Modell blieb erfolglos. Aber Kameras mit großer Ähnlichkeit sind etliche zu finden! Am dichtesten meiner NoName-Kamera kommt die AGFAPHOTO Selecta16, daher auch der Fake von oben. Schauen Sie bitte in die Bedienungsanleitung.

Ganz ähnlich auch die

Kodak-Astro-Zoom-AZ365,

MEDION LIFE P44066

BENQ DC GH650

Pentacon Praktica luxmedia 18-Z36C

Praktica Luxmedia 16-Z21S

Bei intensiver Suche lassen sich sicher noch mehr Klone finden. Alle diese Kameras sind Auftragsfertigungen mit gewünschtem Herstellernamen!

Aber woher jetzt diese "AIGO DC-K7"? Dieser Name fand sich beim Öffnen der mit der China NoName aufgenommenen Fotos mit der Photoshop Datei Info.

Die Kameras haben aber immer ähnliche Machart wie in dieser Prinzipskizze:

Auch wenn diese Prinzipskizze nicht ganz zutrifft: Leicht vorstellbar, dass mit entsprechenden Modifikationen fast jede beliebige Bridgekamera ohne E-Sucher ganz nach Wunsch konstruiert werden kann! Hinterher nur eine Frage der Spritzgussform. Wieviele Öffnungen das Teil für eine entsprechende Anzahl Schalter usw. haben soll. Schauen Sie sich die einmontierte Unterseite der vorhandenen Kamera an. Gleiche Machart!

Die "AIGO DC-K7"

Die Kamera ist 120 x 85 x 82 mm groß und wiegt (mit Batterien und Speicherkarte) 456 g. Der CMOS-Sensor dürfte eine Größe von 1/2,3" 6,2 x 4,6 mm haben (Daten von der sehr ähnlichen 16 MP Praktica Luxmedia 16-Z21C). Der Fotodioden-/Pixelabstand/Pixelpitch beträgt winzige 1,3 µm. Der Sensor löst maximal 4.608 x 3.456 Pixel = 16 Megapixel auf. Videos können mit 1280 x 720p HD mit 30 B/s aufgenommen werden. Die Empfindlichkeit des Sensors kann von ISO 50 auf ISO 100, 200, 400, 800 und 1600 verstärkt oder automatisch gewählt werden. Gespeichert wird im komprimierten JPEG-Format in den Qualitäten Extra Fein, Fein und Normal auf SD-Karte. Die 4 GB Karte nimmt 558 Fotos im Extra Fein Modus oder 31 Minuten HD-Video auf.

Das Motiv wird über einen 3,0" TFT LCD Monitor mit 460.000 (Praktica Luxmedia 16-Z21C!) Bildpunkten im Liveview erfasst. Die Menüsteuerung erfolgt ebenfalls über diesen Monitor.

Das Objektiv entspricht einem 3,2-6,5/28-420 15-fach Zoom. Die Kamera bietet eine Stabilisierung, wobei nicht klar ist, wie die funktioniert. Aufwändig mechanisch oder nur elektronisch?

Belichtungsmessung: Zentral (mittenbetont), Multi (Mehrfeld/Matrix) oder Spot (punktförmig). Belichtungssteuerung manuell oder per Komplett-, Programm-, Zeit und Blendenautomatik und Motivautomatiken. Belichtungszeiten von 1 bis 1/2000 s. Selbstauslöser mit 2, 5 oder 10 Sekunden Vorlaufzeit. Eingebauter Blitz, der bei diesem Exemplar nicht funktioniert. Weißabgleich automatisch oder Tageslicht, Wolken, Wolfram (Glühbirne/Kunstlicht) 2x Fluoreszentlicht (Neon) und „Brauch“?? – vermutlich Kerzenlicht. Energieversorgung mit 4x 1,5/1,2 Volt AA-Zellen.

Die Huaqi Information Digital Technology Co. Ltd. wurde 1993 gegründet und ist lt. eigenem Bekunden der einzige Hersteller von Aigo Digtalkameras, der immer noch auf dem Markt existiert. (Wann immer das war...) Aus: Aigo DC-T1000 Bedienungsanleitung

16 Megapixel aus einer Billig-Kamera?

Bitte auf die Screenshots klicken/tippen

Bei der Machart der Kamera lag der Schluss nahe, dass der Sensor gar keine 16 MP auflöst, sondern viel weniger, dass die 16 MP aus 5 MP hochgerechnet, interpoliert werden. Ein genauer Blick auf die hochaufgelösten Aufnahmen in bis zweistelliger Megapixelauflösung zeigt kein überragendes Ergebnis. Die Auflösungen von 16, 14, 12, 10, 8 MP scheinen echt zu sein. Interpolierte Fotos sind mit zunehmender Größe mehr und verschmiert. Das ist hier nicht der Fall. Dass die Qualität nicht besser ist, dürfte am viel zu kleinen 1/2,3" 6,2 x 4,6 mm CMOS-Sensor mit einem winzigen Pixelabstand von nur 1,3 µm liegen.

Eine weitere Testreihe bei zwei Brennweiten unterschiedlicher Auflösungen, aufgenommen mit der AIGO DC-K7

Totale Ernüchterung

Bitte wie immer auf die kleinen Fotos klicken/tippen

Eigentlich sollte nach dem "Bücherregal-Test" ein Rundgang für "richtige" Fotos folgen. Irgendwie immer noch nicht richtig überzeugt, wurde die "China NoName" noch mal aufs Stativ gestellt und bei bestem Licht die gegenüberliegende Häuserreihe abgelichtet. Mit ISO 50 und zwei verschiedenen Brennweiten, die nicht in die Exifs geschrieben werden. Der einzelne Schornstein mit maximaler Brennweite, lt. Objektivaufdruck 420 mm. Schon "niedlich" dass der Kamera noch ein 2x Televorsatz beiliegt. Und das bei wirkungsloser (defekter?) Stabilisierung. Die Fassaden wurden mit Größenordnung 50 mm abgelichtet. Schärfe? Fehlanzeige! Was für eine Ernüchterung! Nein, bei diesem "Ergebnis" ist jeder Rundgang mit dieser Kamera vertane Zeit. Die man besser nutzen, mit besseren Kameras und anderen Dingen schöner verbringen kann!

Es ist auch nicht auszuschließen, dass diese Kamera tatsächlich "vom Band gefallen ist". Aussortiert als fehlerhaftes Exemplar, das nicht verschrottet, sondern irgendwie den Weg nach draußen gefunden hat. Ich weiß nicht mehr, ob ich für dieses digitale Machwerk stolze 5 oder doch aus der Wühlkiste nur 2,50 Euro gegeben habe... 

Ralf Jannke, April 2017

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