CONTAX N DIGITAL und das N-System

Gastbeitrag von H. Lutz

Ein mystischer Vogel Greif oder ein besserer Briefbeschwerer? Die Meinungen zur CONTAX N DIGITAL gingen und gehen noch immer weit auseinander. Faktisch ist sie die erste Vollformat DSLR. Fakt ist auch, dass sie extreme Tendenzen zu Totalschäden am Bildsensor hat. Trotzdem oder auch gerade deshalb soll diese Kamera aufgrund ihrer Besonderheiten hier nun ausführlich beschrieben und in einem Praxistest dargestellt werden. Also eine Kamera die von Anfang an polarisierte. Die einen bescheinigen ihr absolut sammelwürdigen, geradezu mystischen Status -egal ob funktionierend oder defekt. Die anderen bezeichnen sie als digitalen Dinosaurier und als zurecht ausgestorben. Eine Kamera, die bei Erscheinen viel zu teuer und eigentlich schon veraltet war. Eine Kamera, deren Bilder eigentlich erst heute mit Adobe Lightroom -  sowie ähnliche RAW-Entwicklern - und mit kapazitätsstarken Akkus verlässlich gute Ergebnisse erbringt - wenn sie denn funktioniert.

Wenige konnten in der nahen Vergangenheit tatsächlich mit einer funktionierenden CONTAX N DIGITAL fotografieren - dies ergibt sich alleine daraus, dass grundsätzlich wenige Exemplare existieren und dass diese dann auch noch meist defekt sind.  Der 6 MP Phillips CCD Sensor ist dafür berüchtigt seinen Geist aufzugeben und Ersatzteile gibt es nicht mehr. Nicht für viel Geld und auch nicht für gute Worte! Wenn einmal eine funktionierende CONTAX N DIGITAL angeboten wird, so für recht viel Geld und wie lange sie noch funktioniert ……. Wie im Artikel von Ralf Jannke zurecht steht: „ Wenn der Sensor defekt ist, bleibt von der Kamera nur ein klotziges 2000 Dollar Andenken übrig.“ Zwar ein schönes, elegantes und gut in der Hand liegendes Andenken, aber eben auch nur ein nicht funktionsfähiges. Reparatur unmöglich mangels Ersatzteile. Aus - Ende - Gelände.

Es hält sich auch hartnäckig das Gerücht, dass Kyocera nicht verkaufte CONTAX N DIGITAL Bodies vernichtet haben soll - wegen technischer Probleme. Und sogar sollen Geräte zurückgerufen worden sein um ebenfalls vernichtet zu werden. Hmmmm?

Der in der CONTAX N DIGITAL verbaute 6 MP Phillips CCD Sensor FTF3020-C war auch für die nie umgesetzte Pentax Vollformat DSLR aus 2001  Pentax MZ-D (interner Codename MR-52)- eine digitale Pentax MZ-S - geplant.

https://www.dpreview.com/opinion/4721880615/the-long-difficult-road-to-pentax-full-frame

Das CONTAX N-System

Das Design der CONTAX N DIGITAL geht auf das Ursprungsdesign von F.A. Porsche (Porsche Design) zurück. Die erste Kamera dieser Linie mit der klaren - sich am Bauhaus orientierenden - Designsprache („Effizienz und Nützlichkeit eines Produktes. Ästhetik und künstlerischer Ausdruck sollen ausschließlich von der Funktion des Produktes geprägt sein.“) war die CONTAX RTS (Real Time System) aus dem Jahr 1974. Diese, wie auch alle nachfolgenden CONTAX (D)SLR, wurden vom japanischen Kamerahersteller Yashica produziert.  Nach dem Ende der Kameraherstellung bei Zeiss Ikon 1972 fehlte Carl Zeiss ein Abnehmer für seine Kleinbildobjektive. Daher suchte man nach einem Kooperationspartner und fand ihn, nachdem eine Zusammenarbeit mit Pentax nicht zustande kam, in Yashica (1983 von Kyocera übernommen). So entstanden von 1974 bis 2005 im Rahmen dieser Kooperation zahlreiche Kameras unterschiedlicher Bauarten von teilweise legendären Modellen wie die RTS III oder die AX. Zu beachten ist, dass alle Kameras, die im Rahmen der Kooperation mit Yashica/Kyocera entstanden sind tragen den Namen „CONTAX“ in Grossbuchstaben tragen, wohingehend alle früheren mit „Contax“ beschriftet waren. Die Markenrechte am Namen „CONTAX“ bzw. „Contax“ sind zwischenzeitlich wieder auf Carl Zeiss übergegangen - eine Wiederbelebung der Marke ist meines Wissens derzeit aber nicht absehbar. Schade, denn und ein modernes Bajonett und Objektive stehen eigentlich schon zur Verfügung. Eine spiegellose CONTAX Systemkamera im Porsche Design - man wird ja mal träumen dürfen.

Obwohl CONTAX bereits auf der Photokina 1982 einen Prototypen mit AF - basierend auf der CONTAX 137 - vorgestellt hat, dauerte es noch bis zur Photokina 2000 bis CONTAX ein AF-System tatsächlich auf den Markt brachte. Das dort angekündigte N-System umfasste ein neues AF-Bajonett mit 53 mm Durchmesser, Auflagemaß 48 mm und elektronischer Datenübertragung. Alle bisherigen CONTAX/Yashica Objektive waren damit aber inkompatibel. Canon hatte diesen Schritt bereits 1987 gewagt und war damit sehr erfolgreich. CONTAX leider nicht. Angeboten im N-System wurden neben der CONTAX N DIGITAL noch die CONTAX N1 und die Einsteigerkamera CONTAX NX. Bereits am 12. April 2005 kündigte Kyocera seinen Rückzug aus dem Bereich der Fototechnik zum 30. September 2005 an. Damit wurde nach nur fünf Jahren das Contax-N-System beerdigt.

Als die ebenfalls bereits im Jahr 2000 angekündigte CONTAX N DIGITAL - und damit erste DSLR der Welt mit einem 24 x 36 mm Vollformatsensor und 6 Megapixel -  dann endlich im November 2002 in den Verkauf gelangte, war ihre Auflösung bereits veraltet. Die Vollformat-DSLRs Kodak DCS Pro 14n mit 13,6 Megapixel und die Canon EOS 1Ds mit 11 Megapixel stellten bereits das Doppelte an Pixel zur Verfügung. Die CONTAX N DIGITAL wurde bereits Ende 2004 vom Markt genommen - eine kurze Karriere.

Die N Objektive

Eines der großen Mankos des N-Systems war das überschaubare Angebot an Objektiven. Das N-Gesamtsortiment umfasst nur neun Objektive von 17 mm - 400 mm und hat erhebliche Lücken für deren Schließung es auch keine Ankündigungen gab.

Die Objektive für die Contax-Kameras wurden traditionell von Carl Zeiss zugeliefert und waren  letztlich auch der Grund dafür, dass die CONTAX Kameras von Yashica/Kyocera gebaut wurden. Die Objektive für das Contax-N-System sind von den Abbildungsleistungen und haptisch durchweg überzeugend, jedoch für die damalige Zeit tendenziell schwer, groß und die AF-Leistung ließ bei einigen Objektiven zu wünschen übrig. Im Vergleich zu heutigen 1,4/50mm (bspw. das Sigma 810 g) für spiegellose Vollformatsystemkameras ist dann ein N-System Planar 1,4/50 (310 g) doch wieder als handlich zu bezeichnen. Wenn die Objektive gebraucht angeboten werden, so sind diese immer noch wertstabil. Oder anders gesagt: Sie sind für ein „ausgestorbenes“ System noch richtig teuer. Adapter um die N-System Objektive in die spiegellose Systemkamerawelt zu integrieren gibt es u.a. für Sony.  

Das Bajonett - dem Canon EOS EF-Bajonett (Durchmesser 54 mm, Auflagemaß 44 mm) ähnlich, aber nicht kompatibel - ist ausschließlich auf elektronische Datenübertragung ausgelegt. Wie auch bei Canon befindet sich der Fokusmotor im Objektiv.  Im Gegensatz zu den EF Objektiven verfügen die Objektive des N-Systems von Carl Zeiss jedoch über einen Ring zur Blendeneinstellung. Im Einzelnen waren nachfolgende neun Objektive verfügbar:

Planar T* 1,4/50 mm

Als klassisches Standardobjektiv mit Ultraschallmotor wurde es mit der Contax N1 2000 vorgestellt. Die bewährte optische Konstruktion des Vorgängers mit Contax/Yashica-Bajonett mit sieben Linsen in sechs Gruppen wurde übernommen. 

Planar T* 1,4/85 mm

Erst 2003 erschien die N-Version dieses kurzen (Portrait-)Tele-Objektivs mit Ultraschallmotor. Als völlige Neukonstruktion, mit zehn Linsen in neun Gruppen war es das aufwändigste Objektiv dieser Brennweite und Lichtstärke, das jemals gebaut wurde.

Makro-Sonnar T* 2,8/100 mm

Eigentlich sollte ein Makro-Planar mit gleichen Daten produziert werden. Stattdessen erschien als Neukonstruktion das mit Gleichstrommotor fokussierende Makro-Sonnar mit zwölf Linsen in acht Gruppen. Wie bei den Objektiven mit Ultraschallmotor kann auch hier von Hand in die laufende Fokussierung eingegriffen werden. Maximaler Abbildungsmaßstab ist 1:1, für größere Maßstäbe werden die Zwischenringe N13 und N26 benötigt.

Tele-Apotessar T* 4,0/400 mm

Dieses 3,58 kg schwere Objektiv ist aus sieben Linsen in sechs Gruppen aufgebaut und hat einen Ultraschallmotor. Ein Objektiv mit diesen Daten wurde für die früheren Contax-Kameras nicht angeboten

Vario-Sonnar T* 2,8/17–35 mm

Mit seiner hohen Lichtstärke ist die optische Konstruktion mit 15 Linsen in zehn Gliedern sehr aufwändig, ein Ultraschallmotor übernimmt die Fokussierung.

Vario-Sonnar T* 3,5–4,5/24–85 mm

Das Standard-Zoom mit Ultraschallmotor für die Contax N1 hat keine Entsprechung im Contax-Yashica-System und besteht aus 14 Linsen in zwölf Gruppen.

Vario-Sonnar T* 3,5–5,6/28–80 mm

Als relativ preisgünstiges und kompaktes mit Gleichstrommotor fokussierendes Standardzoom für die Contax NX wurde das Vario-Sonnar T* 3,5–5,6/28–80 mm angeboten. Es besteht keine Möglichkeit des manuellen Eingreifens in die automatische Fokussierung.

Vario-Sonnar T* 3,5–4,5/70–200 mm

Ebenfalls zusammen mit der NX vorgestellt wurde dieses Tele-Zoom. Es ist aus 14 Linsen in elf Gruppen aufgebaut und wird ebenfalls mittels Gleichstrommotor fokussiert.

Vario-Sonnar T* 4,0–5,6/70–300 mm

Das mit Ultraschallmotor fokussierende Vario-Sonnar T* 4,0–5,6/70–300 mm ist eine sehr aufwändige Konstruktion mit 16 Linsen in elf Gruppen.

Alle Datenblätter stellt Zeiss unter

https://www.zeiss.de/consumer-products/service/download-center/historical-products/photography.html

zur Verfügung.

Darüber hinaus wurden noch die Objektiv-Adapter NAM-1 (Contax 645 – Contax N) und MAM-1 (Hasselblad V – Contax 645) angeboten. Interessant war insbesondere der NAM-1, da dieser die volle AF- und Blendenfunktionalität der CONTAX 645 Objektive für die N Kleinbildkameras zur Verfügung stellte. Die CONTAX 645 Objektive von Carl Zeiss sind teilweise echte Sahnestücke.

Es wird aufgrund der ähnlichen Architektur auch ein Umbau von N-Objektiven auf EF Bajonett mit voller AF- und Blendenfunktionalität angeboten:

http://conurus.com/contax/lens-modification-service

CONTAX N DIGITAL und CONTAX N1

Die CONTAX N DIGITAL(das Bild oben ist mit dem Prospekt verlinkt) ist eigentlich eine digitale CONTAX N1, oder ist die N1 eine analoge N DIGITAL? Wie in den Bildern ersichtlich, teilen die beiden (un)gleichen Schwestern neben dem Design auch das generelle Bedienkonzept. Allerdings fühlt sich der Hochformatgriff der CONTAX N DIGITAL bei allen drei Exemplaren die ich in der Hand hatte, leicht klebrig an, der Batteriegriff P-9 meiner beiden N1 jedoch nicht. Es scheint also doch fertigungstechnische Unterschiede zu geben.

Für meine Handgröße ist die CONTAX N DIGITAL wie gemacht und zudem etwas leichter als eine EOS 1D mit Akku (1.590 g zu 1.250g). Mit einer DSLR der EOS 1D´er Serie hat man das Gefühl, ein Klotz aus Metall in der Hand zu halten. Im Notfall kann man damit einen Nagel, zum Aufhängen der Kamera, in die Wand schlagen. Die CONTAX N DIGITAL vermittelt eher das Gefühl, ein handschmeichelndes Designstück in der Hand zu halten und kein Arbeitsgerät. Das Kameragehäuse der CONTAX N1 und der CONTAX N DIGITAL wurde aus einer Metall/Kunststoff-Mischbauweise gefertigt. Eine zum Gewichtsvergleich herangezogene Kodak DCS PRO SLR/c ist mit AKKU und 1070 g nicht wirklich leichter. Haptisch ist die CONTAX einer Kodak DCS PRO SLR/c/n und Kodak DCS 14n deutlich überlegen.    

Der in der CONTAX N DIGITAL verbaute Philips CCD Sensor FTF3020-C löst nominell 6,04 Megapixel auf (Effective pixels 6.29 Megapixel - 3,072 x 2,048; Recording pixels 6.04 Megapixel - 3,008 x 2,008 ).

Der pixel pitch des Vollformatsensors - also der Abstand von Pixelmitte zu Pixelmitte - beträgt bei der CONTAX N DIGITAL 11.90μm - zum Vergleich eine Canon EOS 1Ds mit 11 Megapixel hat 8.81 µm, eine Sony A7r MK IV mit 61 Megapixel hat 3,73 µm und eine Canon 90D mit 32,5 Megapixel APSC Sensor sogar nur 3.19 µm. Eigentlich sollte man annehmen, dass der geringere pixel pitch des CONTAX Sensors zu weniger Rauschen führt als der Sensor der Canon - dem ist aber leider nicht so. Dazu mehr in den Bildbeispielen. 

Die Empfindlichkeit des Sensors reichen von ungewöhnlich niedrigen ISO 25 bis ISO 400. Die Speicherung erfolgt auf einer CF-Karte oder IBM Micro Drive (wer kennt die noch?) wahlweise in den Formaten JPEG, RGB-TIFF oder im CONTAX-spezifischen RAW-Format (.raw). In letztgenanntem Fall können die Bilder jedoch nicht auf dem 2-Zoll-LC-Bildschirm der Kamera angezeigt werden. Adobe Camera RAW unterstützt das CONTAX .raw Format und man ist somit nicht mehr auf die Contax eigene - eigentlich wenig brauchbare - Software „RAW Data Developer“ angewiesen.

Das farblose kristalline optische Tiefpassfilter war eine exklusive Entwicklung der Kyocera Crystal Technology, die bestimmte Frequenzen eliminiert und so die Farbwiedergabe optimiert. Kyocera war stolz darauf, dass sie diesen Tiefpassfilter mit einer Dicke von nur 1/6 der normalen Filter herstellen konnte.

Bei der Unterstützung von größeren CF-Karten als 4 GB tut sich die CONTAX N DIGITAL schwer. Meiner Erfahrung nach funktionieren diese nicht.

Auf der Rückseite der Kamera befindet sich der zum damaligen Zeitpunkt übliche 2 Zoll / 4,5-cm-TFT-Farbmonitor aus Polysilicium und einer Auflösung von damals ebenfalls üblichen 200.000 Pixel. Im Wiedergabemodus kann auf dem LCD u.a. ein Histogramm oder die mit der Bilddatei gespeicherten Daten angezeigt werden.

Unpraktisch ist der Wechsel zwischen den Modi Fotografieren, Wiedergabe und Menü. Hier muss jeweils am Auswahlrad an der Rückseite der jeweilige Modus angewählt werden. Ein einfaches Drücken des Auslösers um zurück zum Fotografiermodus zu kommen bewirkt - garnichts! Es muss am Wählrad zuerst wieder in den gewünschten Modus gewechselt werden. Benutzerfreundlich geht anders!

Die CONTAX N DIGITAL und auch die CONTAX N1 können Belichtungszeiten von 32 Sekunden bis zu 1/8000 Sekunde zur Verfügung stellen. Allerdings können von den längeren Belichtungszeiten nur bis 4 Sekunden am Belichtungswählrad eingestellt werden.  Die Belichtungsmessung erfolgt in Mittenbetonter Integralmessung, Matrix/Mehrfeld-Messung oder Spotmessung. Eine Belichtungskorrektur von -2,0 bis +2,0 EV mit Schrittgröße von 1/3 EV kann am entsprechenden Wählrad einfach erfolgen.

Übrigens: Videos aufnehmen. Klar, jederzeit mit einem anderen Gerät. Das kannten die damaligen DSLR´s nur als Zukunftsvision.

Stromversorgung

Einer der wesentlichen Kritikpunkte an der CONTAX N DIGITAL war von Anfang an die Stromversorgung. Sie benötigt vier Batterien von Typ AA oder entsprechende Akkus, hat also 4,8 V zur Verfügung - eine EOS 1Ds aus 2002 hat 12 V zur Verfügung. Dies bedeutet, dass die Canon deutlich mehr Energiemenge / Zeiteinheit (=Watt) zur Verfügung hat. Denn je höher nun die Spannung (Volt) ist und je mehr Strom fließt (Ampere), desto mehr Leistung (Watt) wird zur Verfügung gestellt Berechnung: Watt = Volt x Ampere.

Nun ist eine hohe Wattzahl nicht grundsätzlich besser, aber da alle digitalen Bildsensoren sowie die peripheren digitalen Prozessoren, IC´s und Schaltkreise einer Digitalkamera leistungshungrig sind, ist deren stabile und ausreichende Leistungsversorgung das A und O.  

Die AA´s sind eigentlich ein guter Ansatz für eine Stromversorgung, da der AA Batterietyp gut verfügbar ist. Wäre nur nicht der - fast schon legendäre - „Stromhunger“ einer CONTAX N DIGITAL. Normale AA Batterien zieht die Kamera in Kürze leer und wenn nicht mehr genug Saft zur Verfügung steht, streikt die CONTAX N DIGITAL entweder komplett oder belichtet Bilder mit schwarzen Streifen.

Nun muss man vielleicht den Begriff „Stromhunger“ doch deutlich relativieren. Bei anderen Akkuparameter und damit stabileren Stromversorgung, hätte die CONTAX N DIGITAL sicher keinerlei Probleme und wäre nicht als stromhungrig gebrandmarkt. Platz für einen leistungsstarken Akku hat das Gehäuse eigentlich.

Um in der Praxis nun nicht bereits nach wenigen Bildern neue Batterien einlegen zu müssen, nutze ich daher entsprechend kapazitätsstarke Akkus um meine CONTAX N DIGITAL zu betrieben - und nehme natürlich immer Ersatzakkus mit.

Es gibt auch das externe Netzteil AC 80L - damit umgeht man das Problem der Stromversorgung, praktisch ist es nicht. Zum Testen ob ein angebotenes Exemplar tatsächlich funktioniert, ist es jedoch das Mittel der Wahl.

Autofokus und Serienbild

Das AF-Modul der CONTAX N DIGITAL und der CONTAX N1 ist identisch und arbeitet als Phasenvergleichs-Autofokus mit den Möglichkeiten Einzel-Autofokus, kontinuierlicher Autofokus, Manuell oder mit AF-Hilfslicht einzustellen. Zumindest mit dem Vario-Sonnar T* 3,5–4,5/24–85 mm  und dem Vario-Sonnar T* 4,5–5,6/70–300 mm arbeitet der AF zuverlässig und relativ leise. Im Fall des Vario-Sonnar T* 4,5–5,6/70–300 mm habe ich allerdings die Erfahrung machen müssen, dass bei kontinuierlichem AF ein stetiges Nachjustieren erfolgt. Hier hat sich - die von mir geliebte - Möglichkeit bewährt, den AF vom Auslösebuttom abzukoppeln und auf den Buttom an der rechten oberen Seite der Rückwand zu legen. So kann ich den AF mit dem Daumen starten und „festnageln“ ohne den Auslöser drücken zu müssen oder - was noch wichtiger ist - dass der Fokuspunkt mit Drücken des Auslösers erneut verstellt wird. In meinen Augen eines der wichtigsten Features einer Kamera mit AF.

Im Vergleich zu einer herangezogenen Canon EOS 1D (mit Sensor Formfaktor 1,3 im Vergleich zu KB; Sensorgröße 28,7 mm × 19,1 mm, 4,15 MP) von 2002   zusammen mit einem Canon EF 28-135mm f/3,5-5,6 IS USM, begrenzt auf rund 60 mm um eine Vergleichbarkeit mit dem Vario-Sonnar T* 3,5–4,5/24–85 mm  herzustellen, sei angemerkt, dass diese Kombination deutlich schneller scharfstellt. Beim AF der CONTAX N mit Vario-Sonnar hat man das Gefühl der AF würde sich zum Schärfepunkt herantasten und nicht wie bei der Canon hinspringen. Allerdings geht es auch langsamer. So ist eine Kodak DCS PRO SLR/n aus dem Jahr 2004 zusammen mit dem Canon EF 28-135mm f/3,5-5,6 IS USM gefühlt etwas behäbiger als die CONTAX N Vario-Sonnar Kombi. Und wie bereits erwähnt, was das haptische Empfinden anbelangt, liegen Welten zwischen den beiden.

Mit den von der CONTAX angebotenen fünf einzeln auswählbaren AF Felder, davon ein Kreuzsensor in der Mitte, war 2002 eigentlich nur Canon bereits technisch fortschrittlicher:

Canon EOS 1D(s): 15 AF Punkte,

Nikon D1(x): 5 AF Punkte

Kodak DCS PRO 14n: 5 AF Punkte

Kodak DCS 760 (analoges Basismodell Nikon F5): 5 AF Punkte

Das Anwählen der einzelnen AF-Punkte erfolgt mittels eines Daumen-Joysticks und die Auswahl konnte dann mit einem Daumen-Schalter dauerhaft festgelegt werden. Bei Bedarf jedoch schnell wieder verändert werden ohne die Kamera vom Auge zu nehmen. Das boten selbst die Konkurrenten nicht - oder erst deutlich später - und war fortschrittlich und extrem praxisnah und einfach zu handhaben. Respekt! Nur um Einwänden vorzubeugen: Unter anderem hat Nikon mit der F5 und auch der Nikon D1 Serie, sowie Minolta mit der 7D, eine Wippe mit ähnlicher Funktionsweise. Diese ist meines Erachtens in der Handhabung gut aber nicht so ergonomisch und einfach zu bedienen wie bei CONTAX der Joystick. Um es aktuell einzuordnen, u.a. Canons neueste spiegellose R5 und R6 aus 2020 haben ebenfalls einen AF-Joystick………

Interessant war und ist die Focus Bracketing Funktion, bei der nach dem Prinzip der Belichtungsreihe drei Aufnahmen mit geringfügig abweichender Fokussierung (1 x korrekt fokussiert, 1 x vor und 1x hinter dem Schärfepunkt) gemacht werden können. Mit diesem Ansatz wären heute u.a. im Macro-Bereich durch Focus Stacking - zwar eingeschränkt aufgrund von nur 3 Aufnahmen - interessante Ergebnisse möglich.

Die Serienbildrate soll drei Bilder / Sekunde betragen. Ich habe es nicht mit der Stoppuhr nachgemessen, aber diese Angabe erscheint mir doch etwas euphemistisch. Für mich aber auch nicht entscheidend, wenn ich speed benötige, würde ich eine Canon EOS 1Dx, Nikon D5/6 oder Sony Alpha 9 wählen. Selbst Mittelklasse-DSLR´s bieten heute deutlich mehr. Nein, eine CONTAX N DIGITAL ist für mich eher zum entschleunigten Fotografieren. 

Bildqualität

Vorweg sei erwähnt, dass ich „nur“ die beiden Carl Zeiss Vario-Sonnar T* 3,5–4,5/24–85 mm sowie das Vario-Sonnar T* 4,5–5,6/70–300 mm zur Verfügung habe. Aber beide Objektive sind in der AF-Leistung bessere des N-Systems. Bezüglich der optische Rechnung und der Haptik stehen sie eigentlich außerhalb jeglicher Diskussion. Wobei neuere Objektiv-Rechnungen sicher deutlich überlegen sind, aber die mit Zeiss Objektiven aufgenommenen Bilder haben häufig eine besondere Anmutung. Hier muss sich jeder sein eigenes „Bild“ machen.  

Ich bin grundsätzlich kein Freund von JPEG oder anderen bereits reduzierten Formaten und fotografiere eigentlich alles in RAW - wenn möglich auf eine zweite Karte parallel als Backup die JPEG´s. Auch wenn mir bewusst ist, das RAW - je nach Hersteller - keineswegs rohe Daten bedeutet. Auch in den RAW Daten sind bereits gewisse Entwicklungsparameter der Hersteller implementiert. Dies ist am besten vergleichbar der Entwicklung des Negativs im Analogen. Auch hier haben die verwendete Chemie, die Entwicklungszeiten etc. Einfluss auf das entstehende Negativ.   

Nun bietet die CONTAX N DIGITAL neben JPEG (in drei Kompressionsstufen) auch die Möglichkeit in RGB-TIFF und im Contax RAW Format .raw aufzunehmen. Wesentlicher Nachteil des .raw ist es, dass diese Bilder nicht im Bildschirm angezeigt werden können - warum auch immer. Mit TIFF geht es doch auch. Die CONTAX N DIGITAL macht es einem nicht immer einfach. Eine parallele Speicherung von JPG und TIFF oder .raw auf die CF-Karte ist nicht möglich.

Welchen Spielraum bieten nun die jeweiligen Formate in Adobe Lightroom. Im nachfolgenden Beispiel wurde mit identischen Belichtungsparametern in allen drei zur Verfügung stehenden Formaten fotografiert. Ich habe dann versucht die Schatten soweit aufzuhellen wie möglich.

Es wird deutlich, dass in diesem Beispiel das CONTAX .raw Format eigentlich erstaunliche Reserven hat und das RGB-TIFF keine wirklich signifikanten Vorteile gegenüber dem JPEG bietet. Mir ist klar, dass dieser Test nicht der Maßstab für gute Bilddaten ist. Allerdings zeigt es schon mal eine Tendenz.

Wie oben bereits erwähnt, bietet die CONTAX N DIGITAL eine ISO-Empfindlichkeit von ungewöhnlichen ISO 25 bis heute relativ niedrige ISO 400. Etwas umständlich ist, dass der untere Drehschalter für die Wahl des Belichtungsprogramms - also für Programm-, Zeit-, Blenden-, Blitzautomatik bzw. Manuell - auf den Einstellpunkt für ISO zu verdrehen ist. Ein Fotografieren ist erst wieder möglich, wenn das Wählrad erneut auf das jeweilige Belichtungsprogramm gestellt wird. Ein einfacher Druck auf den Auslöser hilft leider nichts. Dies ist im Vergleich zu anderen Kameras kompliziert, entspricht aber dem aus der analogen Zeit übernommenen analogen Bedienkonzepts - ist also heute schon wieder retro.

Wirklich nutzbar sind nur die Bereiche von ISO 25 - 100. Bei ISO 200 rauscht allerdings das „Meer“ bereits sehr. Die angebotenen ISO 300 und 400 sind wie so häufig die höchsten ISO-Zahlen Alibiempfindlichkeiten für den Verkaufsprospekt. Wie Pentax bei der geplanten digitalen MZ-S aus dem Sensor ISO 1.600 herauskitzeln wollte, vermag ich nicht zu sehen.

Nachfolgende unterbelichtetes JPEG habe ich durch Lightroom gejagt und probiert was in den Tiefen noch zu retten war. Jeweils mit den selben Entwicklungsparameter hat mich das Ergebnis bei ISO 25 wirklich beeindruckt, bei ISO 200 zweifle ich bereits und ISO 400 geht gar nicht.

Ich habe auch mit der CONTAX N DIGITAL und dem Vario-Sonnar T* 4,5–5,6/70–300 mm und einer EOS 1Dx mit Canon EF 28-300mm f/3,5-5,6 L IS USM einen Test gemacht. Jeweils fotografiert in RAW und in Lightroom auf ähnlichen Look getrimmt. Angemerkt sei, dass das Canon EF 28-300mm f/3,5-5,6 L IS USM nicht das schärfste Objektiv in der EF Range ist - also das volle Potenzial einer Canon EOS 1Dx nicht abruft.   

Was könnten uns nun diese Beispiele sagen? Dass eine Canon EOS 1Dx höher auflöst? Geschenkt - dies war bereits vorher klar! Dass die RAW`s einer Canon EOS 1Dx mehr Bearbeitungsspielraum haben - siehe letzte Anmerkung. Aber von schlechter Bildqualität und wenig Bearbeitungsspielraum der CONTAX N DIGITAL kann man wirklich nicht sprechen. Sie hat mich eher, insbesondere auch die JPEG´s, sehr positiv überrascht. Zwar sind die JPEG´s out of the box manchmal etwas flau aber ein wenig unterbelichten hilft hier. Oder - in meinen Augen der bessere Weg - im Bildbearbeitungsprogramm leicht korrigieren. Aber nutzbar sind die Ergebnisse definitiv.

Mir geht es vielmehr darum, ob mir eine Digitalkamera auch mal kleine Fehler verzeiht und diese korrigierbar sind. Darüber hinaus ist für mich der Spaß am Fotografieren selbst und das Ergebnis - also die Wirkung des Bildes - wichtig. Natürlich muss ein Mindestmaß an Auflösung gegeben sein.  Aber auch mit einer Kodak DCS 520 (2 MP!) war zu fotografieren - und zwar gut. Annehmlichkeiten von heute, die ich zugegebenermaßen nicht immer missen möchte, wie hohe nutzbare ISO-Zahlen, Auto ISO und mehr als 20 MP waren Fehlanzeige. Aber Bilder welche mir auch heute noch gefallen sind damals entstanden. Nur am Rande: die Kodak DCS 520 habe ich noch heute…..  

Und sonst? Für mich scheidet TIFF aus und nutze entweder .raw oder JPEG. Mit dem Nachteil, dass man bei .raw keine Vorschau hat.

Beispielbilder der Contax N Digital (bearbeitet aus RAW)

Beispielbilder der CONTAX N Digital (bearbeitet aus JPG)

Beispielbilder der CONTAX N Digital (Out Of The Box)

Ich würde mich über Rückmeldungen zum Artikel und auch über die Erfahrungen von anderen Nutzern der CONTAX N DIGITAL freuen. Meine E-Mail Adresse lautet: contax.n@web.de

Fazit

Als Anwender muss man etwas Leidensfähigkeit für die CONTAX N DIGITAL mitbringen oder technisch nicht perfekte Geräte mögen. Man könnte es auch positiv „Charakter“ nennen. Oder „Rosa Brille“. In jedem Fall ist man mit der CONTAX N DIGITAL auf dem Weg zu einem entschleunigten Fotografieren mit viel Licht und niedrigen ISO-Werten. Sie ist eher eine Liebhaber-Kamera für Freaks und Sammler- wenn man denn einer habhaft werden kann.

Als Sammler alter digitaler SLR hatte ich schon lange den Wunsch eine CONTAX N DIGITAL zum Fotografieren zu erwerben und um sie in meine Sammlung aufzunehmen. Der Status als erste Vollformat DSLR und das Porsche-Design haben mich fasziniert. Sehr selten wird sie grundsätzlich angeboten, noch seltener in funktionierendem Zustand und eigentlich nicht zu akzeptablen Preisen. Aber manchmal hat man Glück……. Mein Dank an Herrn F.

Im Austausch mit einem anderen Sammlerkollegen wurde mir bestätigt, dass der Sensor der Hauptgrund für Defekte bei der CONTAX N DIGITAL ist - und damit auch Totalschaden bedeutet. Leider wurde mir dadurch klar, dass der Tag kommen wird, an dem auch meine CONTAX N DIGITAL kein Foto mehr ausgeben wird. Aber es ist nur eine leblose Maschine und ich hatte dann die Freude mit einer dieser seltenen Kameras fotografieren zu dürfen. Solange sie mir Bilddateien liefert, werde ich sie immer mal wieder nutzen. In der anderen Zeit hat sie einen Ehrenplatz in meiner Sammlung.

PS: Nahezu alle digitalen Geräte werden eines Tages in den Zustand des Nichtfunktionierens übergehen. Mangels Ersatzteile und der Komplexität der digitalen Schaltkreise sind sie damit nicht reparierbar und somit dauerhaft defekt. Jeder „normale“ Mensch würde ein solches Gerät in den Wiederverwertungskreislauf bringen - wegwerfen. Sammler ticken hier wohl etwas anders. Für den einen ist es Schrott, für andere Zeugnisse der Entwicklungskreativität der Menschen.

PPS: Stand heute funktioniert meine CONTAX N DIGITAL noch.

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