Digitalkameras von A (AGFA) bis Y/Z (Yashica/Zeiss)

Bis auf eine Spezialität gibt es von Zeiss keine Digitalkameras. Wohl aber Zeiss-Objektive, mit denen die digitale (Yashica) CONTAX N DIGITAL bestückt wird. Und diese digitale Contax Spiegelreflexkamera ist Gegenstand dieses Beitrags. 

Keine Kamera? Nein, keine Kamera!

Seit Monaten wird bei eBay erfolglos eine CONTAX N DIGITAL für 2999 Euro angeboten. Was sicher nicht nur am vermutlich völlig überhöhten Preis liegt. Denn wenn man recherchiert, was es mit der CONTAX N DIGITAL auf sich hat(te), wird man zumindest zu diesem Preis die Finger von der Contax lassen. Aber selbst, um ein Gefühl für die analoge Basiskamera CONTAX N1 zu bekommen, müssen mindestens 150 Euro angefasst werden, wobei bei diesen Angeboten aus dem Ausland noch hohes Porto und Zoll dazu kommen! Und für ein passendes (!) Objektiv – die CONTAX N hat ein neu entwickeltes, zum alten System inkompatibles Bajonett – sind nochmal 300 Euro fällig. In dieser Größenordnung liegt das Carl Zeiss Contax N 3,5-5,6/28-80mm Vario-Sonnar T*, das auf mich aber irgendwie den Eindruck eines umgelabelten Tokina oder Tamron-Zooms macht...

Da es sich um eine hochinteressante und frühe DSLR handelt, sollte die CONTAX N DIGITAL unbedingt auch im digicammuseum.de gewürdigt werden, auch wenn es leider kein Exponat und keine selbst mit einer digitalen Contax aufgenommenen Fotos gibt!

Glücklicherweise konnte ich vor Jahren die englische/französische Bedienungsanleitung zur N DIGITAL für ein Taschengeld ergattern. Selbige habe ich jetzt beim Aufräumen im Keller (wieder)gefunden. 

CONTAX N DIGITAL: 2000 die erste Vollformat-DSLR der Welt!

Die laut DPREVIEW im Jahr 2000 angekündigte CONTAX N DIGITAL ist nach den Rückteilen DC3 oder DM3, die jede analoge Nikon F3 zum digitalen Spiegelreflexkamera-System „Kodak Professional DCS“, zur Kodak DCS 100 machte, eine der seltensten und gleichzeitig die erste DSLR der Welt mit einem 24 x 36 mm Vollformatsensor!

In LONE STAR DIGITAL dot com gibt es eine ausführliche Vorstellung mit Fotos. Die Fotos lassen aber keine Rückschlüsse auf die Qualität zu, denn sie wurden von 3008 x 2008 Pixel auf 1200 x 800 Pixel verkleinert.

Auch IMAGING RESOURCE würdigte 2001 die CONTAX N DIGITAL mit Text und vielen Fotos der auf der PMA nur unter Glass zu besichtigen Contax.

CAMERA LEGEND widmete der Contax Vollformat DSLR in seinem Beitrag: The First 35mm Full-Frame Digital SLR: The Contax N Digital.

Als die CONTAX N DIGITAL dann endlich 2002 zu haben war, stahlen ihr allerdings die ebenfalls vollformatigen DSLRs Kodak DCS Pro 14n mit ihren 13,6 Megapixel und die Canon EOS 1Ds mit 11 Megapixel die Schau. Denn die CONTAX N DIGITAL kann „nur“ 6 Megapixel.

Das war aber sicher nicht der Grund, dass die CONTAX N DIGITAL kein Erfolg wurde. Denn es gab sie nur bis 2004. Neben dem extrem hohen Preis – rund 7500 Dollar/Euro – schwächelte das komplette Contax N-System. 

Im photo.net stellte jemand 2003 die Frage: „What happened with that contax full frame DSLR?“, „Was passierte mit der Vollformat Contax DSLR?“ Eine Antwort lautete: In den Vorstellungen enttäuschte die Bildqualität, und die Anwender bemängelten das hohe Rauschen bei ISO-Einstellungen ab 200.

THE LUMINOUS LANDSCAPE veröffentliche eine Vorstellung, die man besser als Nachruf bezeichnen würde: "Dieser Bericht wurde Anfang 2004 veröffentlicht, viele Monate nachdem diese Kamera, die unter einem ganz schlechten Stern stand, von Contax aus dem US-Mark genommen wurde. Warum überhaupt noch ein Bericht? Weil es die erste Vollformat-DSLR des Weltmarkts war. Nachdem Contax USA sich unkooperativ gezeigt hatte, gab der Autor schließlich auf, um ein Test-Exemplar zu bitten."

Perfekt beschrieben hat Wikipedia das Contax N System inklusive seines Niedergangs. Auszüge:

„Auf der Photokina 2000 überraschte Kyocera mit der Ankündigung eines komplett neuen Contax-Systems. (...) Nun wurde ein komplett neues System mit neuem Objektivbajonett vorgestellt. Das Bajonett hatte einen ungewöhnlich großen Durchmesser, das Auflagemaß war mit 48 mm ebenfalls besonders groß. Damit wurde bereits den Anforderungen digitaler Spiegelreflexkameras mit Vollformatsensor entsprochen, (...) Das Contax-N-System umfasste die Kameras N1, NX und N Digital sowie ein umfassendes Zubehörsortiment. Die Objektive stammten auch weiterhin von Zeiss, die Objektivauswahl blieb aber immer bescheiden (...). Dadurch und aufgrund des auch für Contax-Verhältnisse ungewöhnlich hohen Preisniveaus hatte das Contax-N-System wenig Erfolg. (...) Am 12. April 2005 kündigte Kyocera seinen Rückzug aus dem Bereich der Fototechnik zum 30. September 2005 an. Damit wurde auch nach nur fünf Jahren das Contax-N-System aus dem Verkauf genommen. (...)

Die Auslieferung der Contax N Digital erfolgte zunächst nur sehr schleppend, die Kamera hatte am Anfang einige Probleme, von denen einige nie behoben werden konnten. Hierzu zählen der extrem hohe Stromverbrauch und das starke Rauschen bereits bei Empfindlichkeiten ab ISO 200. Die kamerainterne Konvertierung ins JPEG-Format war mit deutlichen Qualitätseinschränkungen verbunden, ebenso wurde die mitgelieferte Konvertierungssoftware „RAW Data Developer“ übereinstimmend als wenig brauchbar eingestuft. Erst als die Software Adobe Photoshop das RAW-Format der Contax N Digital lesen konnte, konnten ihre Möglichkeiten ausgenutzt werden. (...) Aufgrund der Probleme wurde der Verkauf der Contax N Digital 2004, also noch vor dem restlichen Contax-N-System, eingestellt.

Unzuverlässiger CONTAX N DIGITAL-Autofokus, Reparatur(un)möglichkeit...

Neben der Bildqualität, bot auch der Autofokus der CONTAX N DIGITAL offensichtlich Anlass zur Kritik. Luminous Landscape schrieb:

Schande und Ehre des AF-Systems

(...) Selbstverständlich habe ich erwartet, dass die Leistung des AF-Systems so fantastisch wäre wie die Gestaltung der Bedienoberfläche, aber das war nicht der Fall. Bei wenig Licht (unter 1/15 sec bei ISO 100 mit f/1,4) erschien die Leistung der Fokussierung bei allen Objektiven sehr schlecht. Außerdem beobachtet ich, dass nur zwei Linsen, das 1,4/50 mm Planar und das 3,5-4,5/24-85 mm Vario-Sonnar die Schärfe fehlerlos, leise und schnell einstellten. 

Die Vario-Sonnare 2.8/17-35 mm und 4-5,6/T 70-300 mm sowie das 1,4/85 mm Planar (auto)fokussierten unzuverlässig, und erforderten meist manuelle Fokussierung. (...) Wenn die Kamera mit manuellem Fokus betrieben wird, arbeiten die Fokuspunkte im Fokus-Unterstützungsmodus. Dies ist sehr angenehm bei wenig Licht, was aber nicht half, da der Fokus (durch Anzeigen/Aufleuchten der entsprechenden Diode) genau so schlecht ermittelt wurde, wie bei automatischer Fokussierung.

Reparatur(un)möglichkeit

CAMERA LEGEND: "(...) Mein Freund berichtete vom Sensorausfall (seiner CONTAX N DIGITAL). Die Kamera wurde zur Firma Tocad geschickt, die zumindest bis Ende 2013 Contax-Kameras warteten, reparierten. Ich bin nicht sicher, ob das auch heute noch möglich ist. (...) Tocad schickte die Kamera zur Wartung nach Japan zu Kyocera. Monate später kam sie als unreparierbar deklariert zurück! Wenn der Sensor defekt ist, bleibt von der Kamera nur ein klotziges 2000 Dollar Andenken übrig. (...) Analoge Contax-Kameras in den 90er Jahren: Sie fühlen sich für harten Einsatz und gut gemacht an, sind aber anfällig, besonders was die Elektronik im Inneren angeht. Auch heute benutze ich gelegentlich analoge Contax-Kameras, aber ich würde nie eine CONTAX N DIGITAL kaufen, es sei denn der Preis wäre wirklich, wirklich gut. (...)"

Diese Reparaturunmöglichkeit kann natürlich auch der kompletten Kodak DSLR Serie attestiert werden. Bis auf die Kodak DCS100, die schon mal für 5000 Euro gehandelt wird, liegt der Preis für die restlichen Modelle zwischen Größenordnung 100 und 400 Euro, aber nicht bei 2999 Euro, wie der oben für die CONTAX N DIGITAL genannte eBay-Preis!

Überhaupt

In ihrer Verfügbarkeit von 2002 bis 2004 dürften gleich mehrere 6 und mehr Megapixel DSLRs der CONTAX N DIGITAL von Anfang an das Leben schwergemacht haben! Kameras wie die Nikon D1X mit ihrem zwar nur 15x23 mm großen APS-C-/DX-Sensor, aber ebenfalls 6 MP oder die beiden letzten Kodak 6 MP-DSLRs DCS 560/760 auf Canon EOS1n- oder Nikon F5-Basis mit immerhin 18,4 x 27,6 mm großen APS-H-Sensoren. Und schließlich die schon zu Beginn genannte, ebenfalls 2002 präsentierte 11 Megapixel 24x36 mm Vollformat Canon EOS 1Ds, sowie trotz etlicher Startschwierigkeiten die 13,5 MP Vollformat Kodak-DSLRs mit wahlweise Nikon F- oder Canon EOS-Bajonett. Und das alles mit einer Armada von Nikon- oder Canon-Objektiven dahinter! Da hatten 9 – NEUN – Zeiss-AF-Objektive mit dem neuen Contax N-Bajonett wenig bis keine Chance! Darunter kein 2,8/24/28-70, kein 2,8/70/80-200, kein 2,8/300!

Beispielfotos aus dem Internet, aufgenommen mit der CONTAX N DIGITAL

Hier eine paar Links, die 6 MP-Dateien aus der CONTAX N DIGITAL enthalten. Alle mit EXIF. Wenn ich die richtig lese, sind die mit dem Hinweis "Software: N DSC 1.08" versehen, aus Contax-Rohdateien entwickelt:

https://www.flickr.com/photos/tadatomo7/3600119063

http://aflenses.net/wp-content/uploads/2012/03/5650698094_fe3473ae7a_o.jpg

http://aflenses.net/wp-content/uploads/2012/03/5650739142_e7e43fa1fc_o.jpg

http://aflenses.net/wp-content/uploads/2012/03/4103399472_24c0435aaf_o.jpg

http://www.into.pl/aparaty/contaxnz1q.jpg

Wenn ich mir das so betrachte, ist das alles nicht wirklich überzeugend. Oder liegt es nur an einer zu hohen Komprimierung, um die Bilder im Internet schnell ansehen und runterladen zu können?

Zum Schluss noch ein paar Testergebnisse zweier Contax-Objektive, die für die Canon EOS adaptiert wurden. Allerdings nur auf der 15 x 23 mm APS-C-Sensor 8 Megapixel EOS 350D:

Zeiss Vario-Sonnar T* 24-85mm f/3.5-4.5 N

Zeiss Vario-Sonnar T* 70-300mm f/4-5.6

Wer sich für das Contax N-System interessiert, findet hier ein Repro des Prospekts der analogen CONTAX N1.

Ralf Jannke

Technische Daten der CONTAX N DIGITAL

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