Geplante Obsoleszenz

Man liest immer wieder davon, dass elektronische Gerätschaften mit einer Art Selbstzerstörungsmechanismus ausgestattet sind, der sie nach (aus Sicht des Herstellers) angemessener Zeit Schachmatt setzt. So ist immer dafür gesorgt, dass die Konsumenten brav neue Ware ordern. Fragt man nach konkreten Beispielen, muss meist die gute alte Glühbirne herhalten, weil ansonsten der Nachweis von Herstellerverschulden sehr schwierig ist und man sich ja keine Verleumdungsklagen antun möchte. Andererseits wäre es in Zeiten, wo sich Konsumenten sehr intensiv über das Internet austauschen keine gute Idee, allzu offensichtliche Alterungsmechanismen in Geräte einzubauen. Der PR-Gau, den Apple jüngst wegen der Drosselung seiner Smartphones mit gealterten Akkus erleben musste, ist ein gutes Beispiel dafür.

Es sind daher subtilere Mechanismen erforderlich, die von der Kundschaft häufig nicht als solche erkannt werden, von denen einige aber auch bei Digitalkameras zu beobachten sind.

Der Betriebssystem-Trick

Vor allem bei Smartphones und Tablets praktizieren die Hersteller seit Jahren ein höchst erfolgreiches Obsoleszenzmodell: High-End-Modelle werden für einige Zeit mit dem jeweils aktuellen Betriebssystem versorgt, die Mittelklasse wird maximal einmal aktualisiert und Einsteigermodelle bleiben auf dem Stand, den sie beim Kauf hatten. Häufig sind sie schon vom Kauf an veraltet. So schielt man als Besitzer immer häufiger auf die schicken neuen Features der neuesten Softwaregeneration und der Wunsch nach einem Neugerät wächst beständig. Dabei wäre das aktuelle Modell ohne Frage auch fit für das neue Betriebssystem – es wird dafür halt einfach nicht bereitgestellt.

Dieses Verfahren ist auf Digitalkameras nicht unbedingt anwendbar, da bei ihnen das Betriebssystem nicht so sehr im Vordergrund steht. Man kann jedoch häufig beobachten, dass sich die nächste Generation einer Kamera weniger durch verbesserte Hardware sondern eher durch Optimierungen der Betriebssoftware unterscheidet. Das könnte man dem Vorgängermodell durchaus auch beibringen. Aber wozu sollte man? Vielleicht lässt sich ja doch der eine oder andere von diesem einen verbesserten Feature dazu bewegen, die gerade einmal ein Jahr alte Kamera durch eine neue zu ersetzen?

Der Schmuddel-Trick

Abplatzungen an Hochglanz-Oberfläche und abgeriebener Klarlack an der Front. (Kamera: Nikon S6)
Unter der silbernen Farbbeschichtung kommt dunkelgraues Plastik zum Vorschein (Kamera: Ricoh RR30)
Die Belederung ist geschrumpft und löst sich ab (Kamera: Nikon D1)

Ein Musterbeispiel des Schmuddel-Tricks hat Apple in den 80er und 90er Jahren bei seinen Computern betrieben: Die Gehäuse waren beim Kauf im damals typischen computer-beige gehalten. Innerhalb von ein bis drei Jahren (je nach Sonneneinstrahlung am Standort) verwandelte sich dieses jedoch zunehmend in ein hässliches, meist unregelmäßiges gelb-braun. Mir kann niemand weismachen, dass man im fraglichen Zeitraum die Rechnerperformance zwar auf ein Vielfaches steigern konnte, aber nicht in der Lage war, ein Kunststoffmaterial zu finden, das nicht zum Vergilben neigt. Nein, das war pure Absicht.

Varianten des Schmuddel-Tricks findet man aber auch bei Digitalkameras: Die silbern lackierten Plastikoberflächen vieler einfacher Modelle nutzen sich an den Kanten und Ecken relativ schnell ab und lassen die Farbe des Plastikmaterials durchscheinen. Bei einer hochglänzenden, gehärteten Schicht auf dem Plastikkorpus muss man mit Abplatzungen rechnen. Und generell sind Oberflächen in Klavierlackoptik wahre Magnete für Fingerabdrücke, werden daher laufend wieder saubergewienert – und sehen nach einem Jahr durch kleine Kratzer ziemlich ramponiert aus.

Aber auch hochwertige Modelle sind nicht ausgenommen. Man denke nur an die Belederung an vielen Spiegelreflexkameras, die irgendwann größer oder kleiner wird, nicht mehr richtig passt oder ganz abfällt. Hier tat sich in der Vergangenheit besonders Nikon negativ hervor.

Der Design-Trick

Ähnliche Technik in jeweils neuem Gewand. Casio QV-10A, QV-100, QV-300, QV-780
Manchmal genügt schon eine neue Farbe: Olympus C-2000, C-3000, C-3030, C-3040, C-4000, C-5050

Warum ändern die Hersteller spätestens bei jedem zweiten Modellwechsel das Design? Schaut man Kameras mit etwas zeitlichem Abstand an, kann man an den meisten Designwechseln nicht zwingend eine Verbesserung bemerken. Ganz anders sieht das aus, wenn man als Konsument diese Distanz nicht hat. Am Vorgängermodell hat man sich da schon zwei Jahre lang sattgesehen und das neue Teil sieht da im Vergleich todschick aus. Das kann man sich natürlich nicht eingestehen und so müssen dann die technischen Daten das Argument liefern: „Die neue hat ISO 6400! Ich hab zwar bei der alten immer nur mit Auto-ISO fotografiert, aber das muss ich haben! Außerdem kann die Gesichtserkennung (die ich bisher immer ausgeschaltet hatte) nun fünf Gesichter auseinanderhalten! Genial!“.

Der Design-Trick wurde bei Kompaktknipsen besonders exzessiv angewendet. „Erwachsene“ Kameras sahen dagegen auf den ersten Blick über viele Jahre hinweg fast gleich aus. Aber auch hier helfen subtile Änderungen, um das Nachfolgemodell aufzuwerten: Die Tasten werden immer mal wieder neu sortiert, es kommen neue Bedienelemente hinzu (ein Steuerkreuz mit eingebautem Drehrädchen – super!) und vor allem der Bildschirm wird von Modell zu Modell immer ein kleines Stückchen größer.

Der Trick mit nervigen Alterungserscheinungen

Akkus gehen zuverlässig irgendwann kaputt. Und keiner beschwert sich, weil das nunmal so ist. Ideal um Geräte obsolet zu machen.

Es gibt keine schönere Komponente für die Obsoleszenz älterer Geräte, als der Akku. Mit absoluter Zuverlässigkeit verliert dieser über die Jahre Stück für Stück seine Kapazität und macht das damit ausgestattete Gerät leistungsschwächer – bis er dann irgendwann den Dienst ganz einstellt. Das ist als Anregung zum Neukauf eines Gerätes derart perfekt geeignet, man müsste als Hersteller den Akku geradezu fest ins Gerät kleben, damit ja niemand auf die Idee kommt, ihn tauschen zu wollen. Ach, bei Ihrem neuen Handy ist das bereits so? Na, da schau her…

Bei Digitalkameras funktioniert der Trick aber auch. Schließlich kann es sich kaum ein Hersteller verkneifen, diese in der Herstellung kaum 5 Euro kostende Komponente als Ersatzteil für prohibitive Preise von 50 Euro und mehr anzubieten. Nur blöd, dass böse Chinesen auf die Idee gekommen sind, solche Akkus nachzubauen und für einen Bruchteil des Preises anzubieten. Da muss sich der Hersteller natürlich wehren und beispielsweise den Akku über eine kleine Elektronik so mit der Kamera verdongeln, dass billige Ersatzprodukte erst gar nicht mehr funktionieren. Hier sind Sony und Panasonic Vorreiter.

Und was tun mit Kameras, bei denen als Energiespender gewöhnliche Standard-Akkus im Mignon-Format zum Einsatz kommen? Hier haben sich viele Hersteller etwas ganz Schickes ausgedacht: Das Deckelchen, das die Akkus an ihrem Platz hält, wird durch winzige Plastiknasen und -häckchen fixiert. Diese sind so ausgelegt, dass sie nach angemessener Lebensdauer abbrechen. So klafft nun am Batteriefach wahlweise ein hässlicher Spalt oder er bleibt schlicht gar nicht mehr zu. Das kann man mit diversen Methoden beheben, die aber allesamt das optische Erscheinungsbild der Kamera empfindlich stören – sei es nun durch großflächig angebrachtes Klebeband oder einen schicken Kabelbinder.

Echte Obsoleszenz

"Kunst" mit toten Sensoren von Sony.

Wirkliche Obsoleszenz gibt es natürlich auch, aber diese dürfte in den bekannt gewordenen Fällen eher mit Fehlern bei der Produktentwicklung zusammenhängen. Ganz bestimmt keine Absicht waren die fehlerhaften CCD-Sensoren von 2 – 5 Megapixel, die Sony einige Zeit lang verbaut und an andere Hersteller geliefert hat. Die meisten davon gingen nach einiger Zeit kaputt und verwandelten die Kamera schlagartig in Edelschrott. Viele Jahre lang wurden die Ausfälle auf Kosten von Sony kostenlos repariert, was aber viele Konsumenten nicht mitbekommen hatten. Trotzdem hat dieser Fehler Sony sehr viel Geld gekostet.

Ein anderes Beispiel für sicherlich ungeplante Obsoleszenz sind Bauteile, die frühzeitig kaputt gehen, z.B. das Einstellrad bei Fujis S9500/S9600 oder das abbrechende Moduswahlrad bei Olympus‘ E100RS oder C-2100.

Wo die Meinungen weit auseinander gehen, ist die Lebensdauer der Verschlüsse bei Spiegelreflexkameras. Diese werden von den Herstellern ohne Frage je nach Kamerakategorie unterschiedlich robust ausgelegt – je nach zu erwartender Auslösezahl innerhalb der Nutzungszeit der Kamera. Das ist aber kein böser Wille, sondern eine stillschweigende Anpassung an den Kundenwunsch, was den Preis und das Nutzungsprofil angeht. Aus den in einer Datenbank gesammelten Kundenfeedbacks geht aus meiner Sicht nicht hervor, dass es für die Verschlüsse eine vom Hersteller vorgegebene Maximallebensdauer gibt. Natürlich geht so ein mechanisches Bauteil irgendwann kaputt – aber die extreme Streuung dabei lässt sehr stark vermuten, dass dafür neben den Umwelt- und Einsatzbedingungen der Kamera auch eine ordentliche Portion Glück eine Rolle spielt.

Und nun?

Es ist sicher eine der Ursachen für die immer schärfer werdende Krise auf dem Kameramarkt, dass den Herstellern die Ideen für funktionierende Obsoleszenzmodelle ausgehen. Der Trick mit neuen Softwarefeatures funktioniert nicht mehr, da man so kaum noch Features nachrüsten kann, die jeder unbedingt haben möchte. Außerdem steht man in Konkurrenz zu Smartphones, die per Softwareupdate fast wöchentlich neue Tricks lernen. Für den Schmuddel-Trick bieten die heute üblichen Metalloberflächen keinen rechten Ansatz mehr. Die Designs sind inzwischen so gleichförmig, dass man schon Fachmann sein muss, um die Gerätegenerationen zu unterscheiden. Und den Kampf gegen billige Akkunachbauten verlieren die Hersteller eigentlich immer.

Es bliebe daher vor allem, die Kundschaft mit echten Innovationen zu überzeugen, dass ein Neuerwerb unbedingt angezeigt ist. Es wird sich zeigen, ob die Kamerahersteller dafür die Ideen und die Kraft haben.

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