Kanomatic

Es ist 19 Uhr. Im schummrigen Gastraum des etwas abgelegenen Landgasthofs sitzen meist ältere Damen und Herren auf unbequemen Stühlen. Auf der improvisierten Bühne im Zentrum läuft der Moderator der Verkaufsveranstaltung gerade zur Hochform auf. Heizdecken und Topfsets hat er schon erfolgreich an die Frau gebracht. Nun folgt das unschlagbare Angebot für die Herren:

„Ich habe heute gesehen, mit was für altertümlichem Fotografiergerät sie die arme Loreley abgelichtet haben. Das werden wir heute Abend gemeinsam ändern! Ich habe Ihnen eine hochmoderne Kamera mitgebracht. Allerneueste Technologie! Mit Motorantrieb und vollautomatischem Filmhandling. Einfach auf den Auslöser drücken und die Kamera transportiert den Film ganz alleine. Schauen Sie sich die Kamera an! Eine echte Kanomatic. Sie kennen doch Canon? Das hier ist die Weiterentwicklung, eben die Kanomatic. Da hat man richtig was in der Hand. Und Sie müssen fast nichts mehr einstellen. Hier vorn am Objektiv können Sie drehen und mit den Symbolen auswählen, wie das Wetter ist. Alles andere passiert vollautomatisch. Da steht’s: Focus Free. Da ist ein Topobjektiv dran, das macht ab einem Meter alles scharf. Da müssen Sie keine Entfernung mehr einstellen.

Und jetzt das allerbeste: Sie bekommen die Kamera komplett im Set mit allem was Sie brauchen. Da ist ein superstabiler Koffer dabei, damit Sie alles bequem transportieren können. Dazu noch ein Stativ, eine Tasche, Trageriemen, eine Sonnenblende und als Höhepunkt ein Blitzgerät vom Allerfeinsten. Das machen Sie hier seitlich dran und dann machen Sie jedem Sportreporter Konkurrenz. Absolute Profiware!

Sie können diese Kamera in führenden Fotofachgeschäften kaufen. Und wie sie hier sehen, ist das Paket dort richtig teuer. Fast 1600 Mark! Aber Sie kennen uns – wir haben für Sie verhandelt und gekämpft und konnten beim Importeur einen Preis heraushandeln, der nicht mehr zu unterbieten ist! Keine 800 Mark, nicht mal 600. Nur heute Abend bekommen Sie das ganze Paket für sage und schreibe 499 Mark! Und die Batterien sind auch schon dabei! …“

So ähnlich stelle ich mir den typischen Vertriebskanal der Kanomatic vor. Diese Kameras gab es viele Jahre lang in unterschiedlichsten Ausprägungen – wahlweise auch als „Nippon“ oder „Somy“. Allen gemeinsam ist, dass mit primitivster Technik ein möglichst imposantes Paket zusammengebastelt wurde, das dann zu stark überhöhten Preisen einem vorzugsweise ahnungslosen Publikum angeboten wurde.

Die hier vorgestellte Kamera verfügt über eine simple Plastiklinse tief in der Objektivattrappe verborgen. Die Frontlinse ist keine, sondern nur eine gebogene Plexiglasscheibe ohne optischen Effekt (zumindest ohne irgendwie nutzenstiftenden Effekt). Die am Objektiv verstellbare Blende besteht aus zwei Plastikwinkeln. Das Licht fällt dadurch durch ein quadratisches Loch, was für ein wunderbares Bokeh sorgen würde – wäre die Kamera in der Lage ein solches zu erzeugen. Unnötig zu erwähnen, dass der primitive Verschluss nur eine einzige Belichtungszeit zu erzeugen vermag und das Objektiv selbstverständlich von fester Brennweite und festem Fokus ist. Wohl weil die Kamera sich zu sehr nach Plastikschachtel anfühlen würde, hat der Hersteller noch ein paar Stück Eisen im Gehäuse versteckt. So fühlt sie sich im ersten Moment recht wertig an.

Originell ist auch der externe Blitz: Die Kamera hat zwar einen Blitzschuh, der Blitz aber keine Halterung dafür. Daher muss er über eine Schiene und einen ebenso imposanten wie nutzlosen Handgriff neben der Kamera befestigt werden. An einem Spiralkabel hängt dann ein Adapter, der in den Blitzschuh geschoben werden muss.

Dagegen muss man Koffer und Stativ fast schon loben. Beides entspricht dem, was man im untersten Preisbereich in Baumarkt und Fotogeschäft kaufen kann und liefert somit zumindest einen nennenswerten Gegenwert.

Stellt sich noch die Frage, was diese doch extrem analoge Kamera im Digicammuseum verloren hat? Erstens fasziniert mich die Dreistigkeit, mit der hier ahnungslosen Menschen das Geld aus der Tasche gezogen wurde. Und zweitens hat die Kanomatic im digitalen Zeitalter ähnlich würdelose Nachfolger gefunden. Mal etwas schicker wie bei der Protax DC500T und mal auch einfach hemmungslos schlecht wie bei der e-Tech DIG-700XS.

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