Nikon D70/D70s Praxisbericht von Christian Zahn

Hier stelle ich eine Nikon-Spiegelreflexkamera für Einsteiger vor. Sie dürfte für etliche Nikon-Fotografen die erste bezahlbare dSLR gewesen sein.

Ralf Jannke hat die Nikon D70/s in zwei Praxisberichten gewürdigt

Nikon D100 und D70(s)

Nikon D70 – Update

Spezifikationen D70

  • Die 2004 vorgestellte Nikon D70 ist 140 x 111 x 78 mm groß und wiegt mit Akku und Speicherkarte 595 g.
  • Der APS-C große CCD-Sensor (23,6x15,8 mm) löst maximal 3008 x 2000 Pixel  = 6 Megapixel auf. Der Pixelpitch beträgt 7,8µm. Automatisch oder manuell sind 200 bis 1600 ASA einstellbar. Videos sind nicht möglich. Bilder werden als JPEG oder NEF (RAW) auf CompactFlash-Karten (max. ca. 32 GB) gespeichert.
  • Das Objektiv-Bajonett ist das Nikon-AF-Bajonett
  • Das Motiv wird über einen Spiegelreflexsucher mit superheller Mattscheibe angezeigt, zusätzlich ist ein 1,8“ TFT LCD Monitor mit 130.000 Subpixeln vorhanden, der auch die Menüsteuerung übernimmt. Außerdem gibt es ein beleuchtbares SW-LCD-Schulterdisplay zur Anzeige wichtiger Aufnahme- und Kameraparameter. Live-View ist nicht möglich.
  • Entfernungseinstellung Einzel-Autofokus (AF-S), kontinuierlicher Autofokus (AF-C) oder manuelle Scharfstellung, Ermittlung durch Phasenkontrastsensor im Spiegelkasten, mittels teildurchlässigem Hauptspiegel und Hilfsspiegel abgegriffen. 5 Linien- bzw. Kreuzsensoren, aktives AF-Feld im Sucher dauerhaft schwarz markiert, bei Dunkelheit kurz rot aufleuchtend
  • Belichtungssteuerung durch Programmautomatik, Zeitautomatik, Blendenautomatik oder manuelle Nachführmessung, 10 Zonen-3D-Matrixmessung, mittenbetont integrale oder an aktiven AF-Punkt gekoppelte Spotmessung. Belichtungszeiten 30s bis 1/8000 sek. (kombinierter mechanischer und elektronischer Verschluss), Belichtungskorrektur +/-5 Blenden, Selbstauslöser mit 2 oder 10 s Vorlaufzeit
  • ausklappbarer Blitz mit Leitzahl 11, der auch als Master für drahtlos gesteuerte Systemblitze dienen kann. Zusätzlich Norm-Blitzschuh mit TTL-Zusatzkontakten
  • Weißabgleich automatisch oder manuell
  • Bildstabilisierung nicht im Gehäuse, Objektive mit eingebauter eigener Bildstabilisation werden unterstützt
  • Energieversorgung durch Lithium-Akku

Besonderheiten

  • Die Stromversorgung erfolgt durch einen Lithium-Akku EN-EL 3. Er wird auch in einigen anderen Nikon-dSLRs benutzt, z. B. der D50. Die Akkus passen nicht in die Nachfolgemodelle D200, D300, D700 usw, da diese eine etwas andere Bauform benutzen.
  • Im Sucher befindet sich unterhalb der eigentlichen Mattscheibe eine grün hinterleuchtete LCD-Anzeige. Dort finden sich Angaben zu Blitz, Belichtungszeit, ASA-Wert, Blende, Lichtwaage, etliche Bildparameter, Fokuskontrolle uvm.
  • Die Mattscheibe ist sehr hell, sie wird komplett von einer vollflächigen LCD-Folie bedeckt, mit deren Hilfe der oder die aktiven AF-Felder dauerhaft schwarz markiert werden (und bei Dunkelheit sogar kurz rot aufleuchten). Auch bei ausgeschalteter Kamera benötigt diese Folie immer etwas Akkustrom, ohne eingesetzten Akku dunkelt der Sucher insgesamt stark ab.
  • Der Sucher ist sehr klein, da es ein maskierter Vollformat-Sucher ist. Auch der Kameraspiegel hat das volle Kleinbildformat, da die D70 zu großen Teilen baugleich mit der filmbasierten Nikon F75 ist.
  • Das Okular hat eine Dioptrienkorrektur, die Bildfeldabdeckung des Suchers beträgt ca. 95%.
  • Die Speicherung erfolgt auf CompactFlash-Karten. Das Raw-Format NEF wird immer leicht verlustbehaftet komprimiert gespeichert. Auf Wunsch werden parallel zu den NEFs auch zusätzlich JPEGs (aber nur in der schlechten Komprimierungsstufe „Basic“) gesichert.
  • Die Sensor-Grundempfindlichkeit beträgt 200 ASA, also doppelt so viel wie die bisherigen dSLRs von Nikon. Er ist für UV- und für IR-Licht sehr empfindlich, darum kommt es z. B. zu purpurstichigen Aufnahmen von schwarzen Kunstfaser-Pullovern. Bewußte Infrarot-Fotografie war und ist mit der D70 recht einfach, näheres kann in einem Praxisbericht zur vergleichbaren Nikon D50 nachgelesen werden.
  • Der Gehäuseblitz ist fest eingebaut, er klappt nach Druck auf eine Entriegelungstaste nach oben aus heraus und muß auch manuell wieder eingeklappt werden. Die Blitzbelichtungsmessung erfolgt TTL mittels Vorblitzen. Der Gehäuseblitz kann zum drahtlosen Ansteuern von Systemblitzen benutzt werden (allerdings nur eine feste von drei möglichen Gruppen, auch der Kanal ist fest eingestellt), vor der eigentlichen Auslösung werden dann codierte Blitzabfolgen ausgesendet, die die im Raum verteilten Blitzgeräte auswerten und sich entsprechend den Anweisungen der Kamera verhalten.
  • Die Vorblitze werden bei übrigens geschlossener Blende, aber noch mit heruntergeklapptem Spiegel ausgesendet, weil der Blitzsensor neben den AF-Sensoren im Spiegelkastenboden angebracht ist. Man kann die Vorblitze darum im Sucher sehen.
  • AF-Objektive ohne eingebauten Motor werden unterstützt, da ein AF-Motor in der D70 eingebaut ist. AF-S-Objektive mit eingebautem Motor können ebenfalls benutzt werden, AF-G-Objektive ohne Blendenring auch, die neuen AF-P-Objektive mit Pulsmotor und elektrisch angetriebener Blende können jedoch nicht verwendet werden. Objektive mit eingebautem Bildstabilisator (VR) funktionieren.
  • Objektive ohne CPU (also z. B. alte Nikkore mit Ai bzw. Ai-S) können zwar angesetzt werden, da die D70 aber keinen Blendenmitnehmer hat, ist lediglich die manuelle Belichtungssteuerung möglich. Es gibt auch keine Nachführmessung, so daß die Belichtung mit einem externen Belichtungsmesser gemessen werden muß oder anhand des Histogramms der gerade gemachten Aufnahme vom Fotografen nachgeregelt werden muß. Immerhin leuchtet bei manuellen Objektiven der Schärfenindikator unterhalb des Bildfeldes im Sucher bei korrekt eingestellter Entfernung auf.
  • Ein Anschluß für einen elektrischen Fernauslöser ist nicht vorgesehen, es gibt aber einen Empfänger für eine (nicht mitgelieferte) Infrarot-Fernbedienung. Ein Batteriegriff mit Hochformatauslöser wurde von Nikon nicht angeboten, es gab aber solche aus dem Zubehörhandel, wobei der Hochformatauslöser dieser Fremdgriffe nur über den Infrarot-Fernauslösemodus realisiert wurde.
  • Das Display kann weder gedreht noch geschwenkt werden. Das eigentliche Display ist durch eine Kratzschutzscheibe vor mechanischer Beschädigung geschützt. Weil eine dSLR aber bei Wanderungen die ganze Zeit vor dem Körper herumhängt und dabei mehr oder minder heftig Kontakt zu Jackenknöpfen oder Ähnlichem hat, legte Nikon eine weitere Kunststoff-Schutzscheibe bei, die einfach aufgeklipst wurde. War diese dann verkratzt, kaufte man einfach eine Neue. Alternativ kann man auch eine Schutzscheibe aus gehärtetem Glas aufkleben, die die Zubehörindustrie in passenden Größen im Angebot hat.
  • Für viele Aufnahmeparameter ist auf der Kamera-Oberseite ein beleuchtbares SW-LCD-Display vorhanden.
  • Alle Schnittstellen sind hinter unverlierbaren Abdeckungen verborgen, alle Buchsen entsprechen der jeweiligen Norm, so daß keine Spezialkabel erforderlich sind. Nur der Anschluß für ein Netzteil erfordert ein Spezialkabel.
  • Die Kamera wurde aus Kostengründen nicht im japanischen Nikon-Kamerawerk hergestellt, sondern stammt aus der thailändischen Nikon-Fabrik.
  • Die NEFs-Dateien enthalten etwas mehr Pixel, als die meisten Konverter ausgeben, um Reservepixel des Randbereichs zur Korrektur der Objektiv-Verzeichnung nutzen zu können. Freie Konverter geben bis zu 3039 x 2014 Pixeln aus.
  • Die Kamera schreibt viele interessante Details in den MakerNotes-Teil der EXIFs, ich zähle hier nicht alle auf: Weißabgleich, Belichtungskorrektur, Kamera-Seriennummer, VR-Status, alle Bildparameter, Anzahl der Verschlußauslösungen, Objektivnamen, RAW-Kompressionsart, die wahre Blende und Brennweite des Objektivs (interessant vor allem bei „langem“ und „kurzem“ Ende von Zooms und bei Festbrennweiten), Daten der Blitzsteuerung inkl. allen Parametern der drahtlosen Blitzsteuerung, die Pixelgröße in µm, uvm.
  • Daten zur Korrektur der Objektivfehler wie Vignettierung, chromatischen Aberrationen oder der Verzeichnung sind nicht in den EXIFs der RAWs enthalten, alle RAW-Konverter auf dem Computer haben dazu ihre eigene Datenbank.
  • Der UVP der Nikon D70 betrug etwa 1100 Euro (der Vorgänger D100 mit ebenfalls 6 Megapixeln hatte 2002 noch etwa 2500 Euro gekostet!) Ich erwarb mein Exemplar im Frühjahr 2005 für ca. 1300 Euro (zusammen mit den Kit-Objektiv 18-70). Im Frühjahr 2008 gab ich die Kamera mit etwa 30.000 Auslösungen ab, privat erzielte ich etwa 250 Euro (ohne Objektiv) und erwarb als Nachfolger eine gebrauchte D200.

Nikon D70s

2005 erschien ein leicht verbesserter Nachfolger der D70, die D70s. Der Neupreis betrug nur noch ca. 950 Euro, das Display wuchs geringfügig auf 2“ und es gibt eine Buchse zum Anschluß eines elektrischen Fernauslösers. Außerdem wurde das bislang völlig glatte Gehäuse mit einer gummiartigen Belederung griffiger gemacht. Ansonsten blieben die „inneren Werte“ unverändert, darum hat die D70s auch die oben erwähnten Kartenfachprobleme, und sie ist genauso gut für Infrarotaufnahmen geeignet wie ihr Vorgänger.

Die gezeigte D70s erwarb ich Anfang 2019 in einem Konvolut von ca. 10-15 Kameras zu einem Stückpreis von etwa 15 Euro. Ein zweites Exemplar erhielt ich Mitte 2019 geschenkt (mit lediglich ca. 5000 Auslösungen).

Beispielfotos Nikon D70

Beispielfotos Nikon D70s

Alle Aufnahmen entstanden bei 200 ASA, gespeichert als NEF, gewandet mit Nikon Capture, bearbeitet mit mit Photoshop CS4 bzw. CS5. Die Größe wurde auf 1500 Pixel bikubisch verkleinert. Schärfe, Verzeichnung, Vignettierung, Gradationskurve usw. wurde bearbeitet. Da die Bildqualität stark von den verwendeten Objektiven abhängt, habe ich auf Bildparameter-Angaben verzichtet.

Qualitäts- und sonstiger Eindruck

Das Gehäuse der Nikon D70s ist aus innerem Metall mit Kunststoff-Hülle und teilweise mit gummiartiger Kunststoff-Belederung überzogen. Das dafür verwendete Material neigt dazu, im Laufe der Zeit klebrig zu werden, da gewisse bei der Herstellung verwendete Substanzen ausdiffundieren. Dieser Vorgang ist unumkehrbar, die Belederung schrumpft dabei etwas und löst sich ab.

Die Kontakte des Kartenschachtes oxidieren im Lauf der Zeit, manche eingesteckte Karte wird dann nicht erkannt. Dann hilft es, eine andere CompactFlash-Karte zu probieren. Hat man eine funktionierende CF-Karte gefunden, sollte man diese für immer in der Kamera belassen und die Aufnahmen per USB-Anschluß der D70 herunterladen. Da leider nur USB 1.1 mit ca. 1 MB/Sekunde Transfergeschwindigkeit eingebaut ist, dauert das Herunterladen allerdings gerade bei NEFs sehr lange.

Die Handhabung sowie die Menüstruktur erscheint Nikon-Fotografen bekannt. Nach etwa 10 Jahren ohne D70 (aber diversen Nikon-dSLRs als Nachfolger) war mir die Kamera sofort wieder vertraut.

Die Kamera gehört zur Klasse der digitalen Amateur-Spiegelreflexkameras mit APS-C-Sensor.

Mein erstes Exemplar der D70 hatte nach etwa 1 Jahr (noch innerhalb der Garantiezeit) ein Problem mit dem Motor, der den Spiegel nach Verschlußablauf wieder hochklappt und den Verschluss spannt. Dee fehlen wurde von Nikon kostenfrei repariert. Jahre nach dem Verkauf berichtete mir der Käufer meiner Kamera von den ersten Kartenfachproblemen. Alle beiden Exemplare der D70s zeigen diesen Fehler ebenfalls, in beiden ist nun für immer jeweils eine 4GB CF-Karte eingesteckt.

Der Sensor schlägt sich bei 200 ASA recht gut. Im Bereich zwischen 250 und etwa 640 ASA habe ich ihn ab und an benutzt, oberhalb von 800 ASA ist er meiner Meinung nach nur in Notfällen benutzbar.

Die Farben werden von der D70 gut wiedergegeben. Mit der D70 fotografierte ich aus Speicherplatzgründen (1 GB-Karten waren noch sehr teuer) anfangs oft nur im JPG-Format, erst kurz vor dem Verkauf waren größere Speicherkarten so preiswert geworden, daß ich dann fast ausschließlich im NEF-Format aufnahm.

Fazit: eine digitalkamerahistorisch interessante Kamera (mindestens eine Amateur-Nikon-dSLR gehört in jede Sammlung!), heutzutage zum ernsthaften Bildermachen nur noch eingeschränkt geeignet. 6 Megapixel reichen zwar heutzutage für etliche Anwendungen aus, aber die D70(s) sollte nur bei 200 ASA und mit NEF-Aufzeichnungen benutzt werden und das Speicherkartenfach-Problem kann die Kamera schnell unbenutzbar machen.

Christian Zahn, Januar 2021

Museum für alte Kameras sowie Fotogalerie:
http://www.ChrZahn.de
Dort auch Tipps zum Entwickeln von Farb- und SW-Dias

 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben