Die Entdeckung der Langsamkeit...

Aus der eigenen Vergangenheit, wo neben der (D)SLR 1999 und 2000 auch intensiv mit den Nikon Drehgelenk-Digitalkameras Coolpix 950 (2 MP) und Coolpix 990 (3 MP) fotografiert wurde, kamen diese beiden Coolpix-Modelle im Vergleich zur (D)SLR einigermaßen flott zur Sache. Selbst Nikons erste 1,3 MP Drehgelenk-Coolpix 900 von 1998 fiel nicht durch besondere Trägheit auf.

Da gingen die Minolta Digitalkameras Dimage V (auch eine Drehgelenk-Kamera) und der ähnlich ausgelegte, aber mit 1,5 MP (real 1,3 MP) höher auflösende Nachfolger Minolta Dimage EX Zoom von 1999 schon merklich langsamer ans Werk.

Das ist aber alles nichts gegen "Die Entdeckung der Langsamkeit"

Ebenfalls als Drehgelenk-Digitalkamera ausgelegt, habe ich mit der 1,3 Megapixel Philipps ESP80 (1998) und der (fast) baugleichen Ricoh RDC-4200 noch keine derartig lahmen Digitalkameras kennengelernt! Die Philips-Variante ist eine lediglich umetikettierte Ricoh RDC-4300, die RDC-4200 die etwas abgespeckte, in Schwarz gehaltene RDC-4300, der die Audioaufzeichnung fehlt, und die einen etwas kleineren Bildschirm hat.

Boris Jakubaschk hat alle drei genannten Modelle bereits beschrieben:

Philipps ESP80 – Ricoh RDC-4300 – Ricoh RDC-4200

Die Philips ESP80 wurde mir freundlicherweise von Boris Jakubaschk überlassen, die Ricoh RDC-4200 kam komplett in der Originalverpackung für 19 Euro inkl. Porto (GB nach D) aus dem Internet, deklariert als defekt. Tatsächlich läuft die RDC-4200 wie eine Eins! Zwei Möglichkeiten, dass der Vorbesitzer die Kamera als defekt ansah, sind denkbar: Es gibt ein paar Digitalkameras, die bei 1,5/1,2 Volt Batterien, besonders Akkus sehr wählerisch sind, was die Ausbildung des Pluskontakts und die Fläche des Minuskontakts angeht. "Falsche", genauer nicht passende, nicht kontaktierende Akkus eingelegt, tut sich – NICHTS.

Wahrscheinlicher könnte hier die Überschrift "Die Entdeckung der Langsamkeit..." sein. Passende Akkus eingelegt, vergehen nach dem Bewegen des Power-ON/OFF-Schiebeschalters mehrere Sekunden, bis sich etwas "tut". Ungeduldige Seelen könnten dabei schnell auf den Gedanken kommen, dass die Kamera defekt ist... Mein Glück! Bis auf den Dank einer falschen falsche Münze schwer misshandelten Deckel für die Datum/Uhrzeit-Knopfzelle der RDC-4200 ist die Ricoh so gut wie makellos!

Hier noch ein Nachzügler, die Ricoh RDC-4300. Damit ist die Reihe komplett!

Stark ramponiert, werde ich Dank der vorhandenen, baugleichen Philips ESP80 und der noch besseren RDC-4200 keine Hand an die RDC-4300 legen, sondern diese Kamera als reines Belegexemplar archivieren...

Zum ersten Knipsversuch mit der Philips wurde schnell eine Compactflashkarte herausgesucht, um sofort festzustellen, dass die ESP80 die papierdünne und empfindliche SmartMedia-Speicherkarte benötigt. Um nach Einschieben der SM-Karte gleich mit einem "Card Error" überrascht zu werden... Die optimistisch genommene 128 MB SM-Karte wird von der ESP80 verweigert. Bis runter auf 32 MB das gleiche Ergebnis: "Card Error". Erst mit einer 8 MB SmartMediakarte ließ sich die ESP80 zufriedenstellen. Und so steht es auch in der Bedienungsanleitung der baugleichen Ricoh RDC 4300: maximal 8 MB. Interessanterweise soll auch die exotische 2 MB 5 Volt Smartmediakarte in der RDC 4300 lauffähig sein. Und tatsächlich kann die Philips/Ricoh RDC 4300 die 2 MP 5 Volt Smartmediakarte verwenden. Ich habe das aber nicht weiter verfolgt, denn zum Auslesen der Karte müsste selbige in den speziellen Adapter der ins 3,5 Zoll Diskettenlaufwerk passt. Ein Medium, das schon seit vielen Jahren "out" ist, Rechner haben keine Diskettenlaufwerke mehr... Die Ricoh RDC 4200 kann laut Bedienungsanleitung auch 16 MB SmartMedai-Karten verwenden, bei der Philips ESP80/Ricoh RDC 4300 funktioniert es nicht!

Die 8 MB-Karte fasst 12 1,3 Megapixelfotos der Qualität S(uper)F(ine), 25 Fotos in SN(ormal)-Qualität oder 47 Fotos in SE(conomy)-Qualität. Bei voller Auflösung 1.260 x 960 Pixel entspricht das einer Komprimierung von 5,8:1; 11,5:1 und 21,4:1. 4:1 ist exzellent, 8:1 sehr gut bis gut und 16:1 noch Schulnote 3 plus. Danach lässt es dann schnell nach, wobei die typischen 8x8 Pixelblöcke, JPEG-Artefakte durch zu hohe Komprimierung meist erst bei hoher Vergrößerung sichtbar werden. Ein schneller Vergleich auf eine geklinkerte Hauswand gegenüber zeigte dann auch, dass die Philips/Ricoh-Qualität SN nutzbar ist.

Auf 640 x 480 Pixel (VGA) Auflösung reduziert, passen entsprechend mehr Bilder auf die Karte... Die Philips ESP80 und Ricoh RDC-4300/4200 kann (nach Anwahl/Aktivierung im Menü) auch unkomprimiert als N(on)C(ompression) speichern. Dann passen aber nur 3 Fotos auf die 8 MB Karte. Die dabei von der Kamera erzeugte TIFF-Datei kann jedoch erst nach Konvertierung mit XnConvert in eine lesbare TIFF verwendet werden.

Raritäten

CompactSSFDC SmartMedia CF Card Adapter von Pretec mit eingeschobener 16 MB SmartMedia-Karte. Neben der zweiten 16 MB Smartmediakarte etwas ganz Seltenes.

Irgendwas scheint mit der Karte nicht zu stimmen... Die ist "verkehrt" herum, irgendwie spiegelbildlich. Wenn da nicht der lesbare Aufdruck 2MB-5 wäre. Das steht für 2 MB Speichervolumen, 5 Volt Betriebsspannung. So waren die ersten SmartMedia-Karten ausgelegt. Um Verwechselungen mit den späteren 4, 8, 16, 32, 64, 128 MB Karten, die nur 3,3 Volt Spannung benötigen, auszuschließen, wechselte die dreieckige Aussparung die Seite. 2 MB 5 Volt Karten sind extrem selten und werden zu unverschämten Preisen von 80 Euro angeboten...

Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man sich für eine der Digitalkameras aus der Frühzeit interessiert, mit der man auch ein paar Bildchen schießen will. Unter anderem die Minolta Dimâge V, die Fuji DS-7 und entsprechend die umgelabelte Apple QuickTake 200 benötigen 2 MB 5 Volt SmartMedia-Karten. Fehlen diese, muss das Auswirkungen auf den Kaufpreis haben! Finger weg übrigens von 256/512 KB 5 Volt SmartMedia-Karten, die unter anderem in Diktiergeräten Verwendung fanden. Nach meinen Erfahrungen funktionieren diese manchmal für 20 Euro angebotenen Karten NICHT in den genannten Kameras. Rausgeschmissenes Geld!

Die 2 MB 5 Volt SmartMedia-Karte lässt sich in den oben gezeigten Adapter einschieben, wird aber nicht erkannt!

Netter Zug von Ricoh: Man zeigt dem stolzen Besitzer, wie das Zoomobjektiv aufgebaut ist...

Ein bisschen mühselig, weil in Einzelkapiteln runterzuladen, aber komplett in englischer Sprache, gibt es hier die Bedienungsanleitungen zur Ricoh RDC 4300 und 4200

Für den Rundgang mit der Kamera fiel die Wahl auf die Ricoh RDC-4200, weil pro 16 MB SmartMediakarte 49 1,3 MP Fotos der Qualität SN draufpassen.

Was meinte meine Frau beim Anblick des "neuen" Spielzeugs Ricoh RDC-4200: "Die hattest du doch schon mal..." Nicht ganz richtig, sie hatte die Ricoh mit der Nikon Coolpix 990 verwechselt, die uns auf einen Urlaubstrip auf die Kanalinsel Guernsey begleitete... Und dort auch wesentlich zweckmäßiger war, da Dank einfachen optischen Sucher auch bei viel (Sonnen-)Licht ein Motiv einzupassen war. Die Philips/Ricohs haben keinen Extra-Sucher, sondern nur den Monitor. Scheint da die Sonne drauf, sehe ich nichts mehr.

Rundgang mit der 1,3 Megapixel Ricoh RDC-4200

Wenn sie will, kann sie…

Out-of-the-Cam. Speichern im unkomprimierten TIFF-Modus der Ricoh RDC 4200, Makro-Einstellung. Öffnen und Konvertieren der für andere Programme unlesbaren TIFF mit XnConvert in eine lesbare TIFF. Keine EBV, Speichern in der höchsten Photoshop JPEG-Qualität 12.

Was soll man Positives zur Ricoh/Philips sagen?

Trotz der deutlich niedrigeren Preise – die Philips ESP80 kostete 700 Euro, die Ricoh RDC 4300 730 Euro und die Ricoh RDC 4200 580 Euro – waren diese Kameras 1998 keine wirkliche Alternative zur deutlich teureren (1100 Euro), aber viel ausbaufähigeren Nikon Coolpix 900 von 1998. Bei jedem Aus- und Wiedereinschalten der Ricoh RDC 4200 setzt die Kamerasteuersoftware (Firmware) die JPEG-Qualität auf N(ormal), anstatt sich die Einstellung F(ein) zu merken. Selbst wenn die N-Qualität nicht schlecht ist, es stört mich! Auf die gleiche Weise verschwindet auch die Einstellung, wenn unkomprimiert als TIFF gespeichert wird. Auch eine Belichtungskorrektur muss bei jedem Einschalten neu eingegeben werden. Sobald etwas zu viel Licht auf den Monitor fällt, ist fast nichts mehr zu erkennen. Weder das Motiv, noch die wieder "genullte" Belichtungskorrektur und die Daten-TIFF-JPEG-Qualität/-größe.

Die meisten oben gezeigten Fotos wurden in der Einstellung "Normal" und ohne Belichtungskorrektur auf die Speicherkarte geschrieben. Ganz abgesehen von der Auflösung (1,3 MP) sind die Philips/Ricohs trotz der wirklich guten TIFF von oben nur noch reine Sammelkameras. Und mit 19 Euro, wie die Ricoh RDC 4200, bereits mehr als hoch genug bezahlt.

Ralf Jannke, Juni 2017

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