Die Dominanz der spiegellosen Systemkameras ist absolut (…) Mit einem Marktanteil von 97,4 Prozent bei allen Kameras mit Wechselobjektiv sind sie nicht mehr die Zukunft, sondern die alleinige Gegenwart. Die klassische Spiegelreflexkamera ist mit weltweit nur noch 6.000 verkauften Einheiten zur technischen Fußnote zwischen Faxgerät und Schallplattenspieler verkommen. (…) Während die etablierten Platzhirsche ihre Marktanteile verteidigen, drängen neue, vor allem chinesische Anbieter mit aggressiven Preisen im Objektivmarkt (…) in den Kameramarkt.<<
Dazu zwei Bemerkungen
Wer trotz der spiegellosen Übermacht immer noch Freude an der digitalen Spiegelreflexkamera hat: Nie war es so leicht sich die vor — sagen wir — 10 Jahren finanziell unerreichbare Traum Canon EOS 1D oder Nikon D3, D4 heute für wenig Geld zu kaufen!
Und ja, die "bösen" Chinesen … Für mich ist es ein aggressiver Preis, wenn für ein unsägliches 4-7,1 — SIEBEN-KOMMA-EINS — 24-105 mm Zoom 599 Euro als UVP ausgerufen werden!
>> Kollaps der Margen: Nikons Absturz als Menetekel
(…) Nikon, ein Synonym für professionelle Fotografie, meldete für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres einen dramatischen Einbruch und schwenkte von einem Gewinn im Vorjahr zu einem operativen Verlust von über 100 Milliarden Yen, also etwas über einer halben Milliarde Euro. (…) Doch die eigentliche Ursache liegt tiefer und wird ungeschönt benannt: reduzierte Verkäufe im Kerngeschäft mit Kameras. (…) Während die erwarteten Verkaufszahlen für Gehäuse um 50.000 und für Objektive um 100.000 Einheiten gesenkt wurden, blieb die Umsatzprognose gleich – die Gewinnprognose wurde jedoch fast halbiert. Dies ist der ungeschminkte Beweis für den Kollaps der Margen. Nikon kann seine Produkte offenbar nur noch über massive Preisnachlässe im Markt absetzen und verdient an jedem verkauften Stück signifikant weniger. Der Konzern ist das prominenteste Opfer einer Entwicklung, bei der zwar mehr Kameras gekauft werden, der Kunde aber nicht bereit ist, dafür so viel wie bisher zu bezahlen.<<
Ich sehe bei Nikon keine "massiven" Preisnachlässe …
>> Die Renaissance der Kompakten: Ein kultureller Gegenentwurf
Während ein Traditionskonzern wie Nikon ums Überleben kämpft, entsteht an anderer Stelle eine paradoxe Dynamik. Das Comeback der Kompaktkamera mit einem Zuwachs von fast 30 Prozent auf 2,44 Millionen Einheiten ist weniger eine technische Sensation als vielmehr ein soziologisches Phänomen. Seit Smartphones mit KI-gestützter Perfektion Bilder glattbügeln, entsteht eine Sehnsucht nach dem Unvollkommenen. Vor allem eine jüngere Generation entdeckt die Kompaktkamera als Instrument der vermeintlichen Authentizität und zelebriert die Bildsprache der 90er Jahre. Sie bieten die Balance zwischen dem nostalgischen Gefühl einer analogen Kamera und der Flexibilität digitaler Technik.<<
Hmmm … Wenn ich in Freizeit und Urlaub unbeschwert meine Bildchen knipse, schaue ich natürlich, womit andere fotografieren. Renaissance der Kompaktkamera? Ich kann keine Renaissance erkennen, ich sehe weiterhin entweder nur "richtige" Kameras oder Smartphones … Und das Letzte, was ich kaufen würde, wäre eine neue Kompaktkamera im vierstelligen Eurobereich!
>> Resümee: Die Suche nach der neuen Mitte
Die Entwicklung des Kameramarktes führt zu einer zunehmenden Polarisierung. Auf der einen Seite stehen hochspezialisierte und kostspielige Systeme für Profis, auf der anderen Seite das Smartphone, das den visuellen Alltag dominiert. Der breite Mittelklassemarkt, einst das Rückgrat der Industrie, erodiert – und reißt Konzerne wie Nikon mit sich, die in dieser Mitte gefangen sind. Doch zwischen diesen beiden Polen etabliert sich eine dritte Kraft: die Kompaktkamera als Lifestyle-Objekt für eine neue Zielgruppe von „Lifestyle-Nostalgikern“. Diese Käufer suchen weder die Komplexität eines professionellen Systems noch die sterile Perfektion des Smartphones. Sie verlangen nach einem stilvollen, haptisch ansprechenden Werkzeug, das eine unverwechselbare Bildästhetik liefert und eine bewusste Abkehr vom Mainstream signalisiert. Für die Hersteller ist dieser Trend Segen und Fluch zugleich. Er eröffnet eine neue, potenziell profitable Nische. Die Frage wird jedoch sein, ob es sich dabei um ein nachhaltiges Marktsegment oder nur um ein kurzlebiges Strohfeuer handelt. <<
Ich halte es für ein Strohfeuer!
>> (…) Welchen einzigartigen Wert bietet eine dedizierte Kamera in einer Welt überflüssiger Bilder? Wie lassen sich Geschichten erzählen, die über Megapixel und Autofokus-Punkte hinausgehen? Wer diese Fragen nicht mit überzeugenden Produkten und klugen Konzepten beantwortet, riskiert, trotz wieder steigender Absatzzahlen langfristig zum reinen Zulieferer für einige wenige Nostalgiker und hochspezialisierte Profis zu werden. Nikons Krise ist die Fieberkurve einer Branche, die ihren Wert neu definieren muss. Die Renaissance der Kompaktkamera ist das deutlichste Symptom dieser fieberhaften Suche nach einer neuen Relevanz. <<