"Heavy Ausmisting" – oder Schrott-Wichteln ;-)

Avatar of Ralf JannkeRalf Jannke - 29. Dezember 2022 - Wissen

Die Veröffentlichung der schweizer Internetseite fotointern.ch am 23. Dezember "AgfaPhoto lanciert drei neue kompakte Knipser für 35mm Film" fiel mit dem Auspacken eines beim schwedischen eBay-Ableger Tradera ersteigerten Konglomerats von zwei interessanten und funktionierenden Digitalkameras und einem unsäglichen AGFA-gelabelten Asien-Schrott Beifang zusammen.

Dieser Beifang bestand aus den beiden AGFA Plastik-Machwerken AGFAMATIC 50 und AUTOSTAR X-126 unbekannten Herstelldatums. Beide mit der Kodak Film-Erfindung für Idioten(-sichere) Fotografie zu laden. Hubert Nerwin, der ehemalige Direktor der Entwicklungsabteilung von Zeiss Ikon, patentierte für Kodak eine Filmkassette, die zum Instamatic-System führte. "Eine neue Generation von Fotoamateuren wurde geschaffen: die "Instamatic-Knipser". (…) Nachzulesen in Wikipedia zum Instamatic-System: "Instamatic war der Systemname für ein 35-mm-Kassettenfilmsystem von Kodak, ein Kofferwort aus den englischen Wörtern instant (dt.: sofort) und automatic. „Sofort“ bezog sich dabei auf ein blitzschnelles Filmeinlegen. (…) Kodak hat das System im März 1963 auf der Photokina vorgestellt und im Frühsommer in den USA sowie kurz darauf in Europa eingeführt. (…) Alles war dabei so konstruiert, dass man einerseits mit möglichst simpler Kameratechnik auskam und andererseits dem Benutzer bequemstes Fotografieren ermöglicht wurde.

Die jetzt neu aufgelegten AgfaPhoto Kameras sind mit "Focus Free" — äh — Fixfokusobjektiven ausgestattet. Für die 24 x 36 mm "Vollformat"-Version ein 9/31 mm Objektiv, für die 18 x 24 mm Halbformat-Version ein 5,6/50 mm. Wo ist bis aufs Filmformat und das auffällige Aussehen der wirkliche Unterschied dieser Vernichter heute teuer gewordenen  Analogfilms zu den beiden Plastik-Asien-AGFAs?

In meinen Augen albernster, völlig überflüssiger Hipster-Sch…, der von der Resourcenverschwendung her verboten gehörte. Wobei ich zu gerne dabei zusehen würde, wie sich ein Smartphone-Daddler beim Versuch einen Kleinbildfilm in die AgfaPhoto-Modelle einzulegen, die Finger verknotet ;-)

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Was ist digicammuseum.de?

Die analoge Fotografie blickt auf eine etwa 170-jährige Geschichte zurück, seit etwa 100 Jahren sind Fotoapparate auch für Privatleute erschwinglich. Trotzdem sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis die Fotografie zu einem Hobby für Millionen von Menschen wurde und der Fotoapparat zum selbstverständlichen Accessoire jeder Urlaubsreise.

Um so überraschender ist es zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit die etablierte Technik in wenigen Jahren nach der Jahrtausendwende in eine Nischenexistenz zurückgedrängt wurde. Ersetzt wurde sie durch Digitalkameras. Diese haben in kürzester Zeit eine atemberaubende Evolution durchlaufen und haben ihre analogen Vorfahren weitgehend überflüssig gemacht. In fast allen Haushalten wurde die alte Spiegelreflex- oder Kompaktkamera durch ein digitales Modell ersetzt.

Während die meisten analogen Kameras viele Jahre, teilweise auch Jahrzehnte lang genutzt wurden, landen die meisten Digitalknipsen nach drei bis vier Jahren in der Schublade und müssen einem leistungsfähigeren Modell weichen. Die technischen Fortschritte werden jedoch immer kleiner. Digitalkameras haben einen Stand erreicht, der keine drastischen Verbesserungen mehr zulässt. Der Boom fand seinen Höhepunkt um die Jahre 2008-2010 und hat seither deutlich nachgelassen.

Das ist auch schon rein äußerlich zu erkennen: In den ersten Jahren war bei den Herstellern von Digitalkameras der Wille zu beobachten, die neue Technik auch für Innovationen in Design, Bedienung und Funktionalität zu nutzen. Inzwischen ist diese Phase weitgehend vorbei und die Hersteller haben zu den aus analoger Zeit bekannten Kameratypen zurückgefunden: Kompaktkameras auf der einen und Systemkameras auf der anderen Seite.

Die in Smartphones eingebauten Kameras sind inzwischen jedoch so gut, dass sie Kompaktkameras die Existenzberechtigung geraubt haben. Wozu ein separates Gerät kaufen, wenn man vergleichbare Bilder auch mit dem Handy hinbekommt, das man zudem immer in der Tasche hat?

Es entsteht so im Moment die paradoxe Situation, dass so viel fotografiert wird, wie noch nie in der Geschichte - und gleichzeitig immer weniger "richtige" Kameras verkauft werden. Mag sein, dass die Ära der Fotoapparate für jedermann zu Ende geht und bald nur noch Hobbyfotografen und Profis als Kamerakäufer übrig bleiben. Deswegen ist nicht zu früh, die "wilden Jahre" der Digitalkamera-Entwicklung zu dokumentieren.

Diese Homepage war anfangs vor allem als virtuelles Museum meiner Kamerasammlung gedacht. Inzwischen ist daraus ein Projekt geworden, bei dem ein wachsender Kreis von Autoren tolle Beiträge zur Digitalkamera-Geschichte beisteuert. Den weitaus größten Anteil daran hat Ralf Jannke, der mit seinen Praxisbeiträgen die verschiedensten Themen detailliert behandelt und großartig bebildert. Was sich allerdings nicht geändert hat: Die Homepage ist ein reines Hobby- und Spaßprojekt. Wir freuen uns über den Austausch mit anderen Sammlern und Fotobegeisterten. Es gibt keine Werbung und wir sind auch keine bezahlten Influencer. Falls Sie allerdings noch eine spannene Kamera herumliegen haben, die Sie nicht mehr brauchen - wir sind immer auf der Suche nach weiteren Exponaten.

Boris Jakubaschk